„Was glaube ich, was das frühe Ungeborene ist? Darauf muss jeder Einzelne eine Antwort finden.“
Im Laufe meiner mehrjährigen Recherche tauchten immer wieder Themen auf, die mit grundsätzlichen Fragen zu unserer Moral zu tun hatten. Ich stieß dabei auf Prof. Dr. Nikolaus Knoepffler, Leiter des Ethikzentrums für angewandte Ethik, Universität Jena.
Er war meinen Fragen gegenüber aufgeschlossen und half mir mehrfach in Telefongesprächen weiter. Er munterte mich immer wieder auf: „Geben Sie nicht auf, dieses wichtige Thema weiter zu verfolgen. Aber es wird nicht leicht sein.“ Damals war noch nicht sicher, dass arte sich des Themas annehmen und dass daraus ein ganzes Projekt mit Film, DVD, Buch und medialen Aktionen erwachsen würde.
Gespannt fahre ich zu einem Interview mit Prof. Dr. Knoepffler vor Ort in Jena. Es kommt mir ein schlanker, mittelgroßer Mann entgegen. Er begrüßt mich mit einem herzlichen Willkommen – nicht nur auf seinen Lippen, sondern in seinem ganzen Habitus.
In seinem Arbeitszimmer hören uns viele Bücher zu, aber auch eine Büste von Hegel mit Hut. Sie begleitet wohlwollend unser Gespräch von einem hohen Regal.
Lieber Herr Professor Knoepffler, wie entsteht Moral?
Moralische Einstellungen werden vor allem von drei Ebenen geprägt: Auf der ersten Ebene von der Familie, die einem moralische Einstellungen lehrt. Dann natürlich von der Gesellschaft, in der man sich befindet. Dazu gehört auch, ob sie von Religionen geprägt ist. Die dritte Ebene ist die der Gesetze, die einem etwas verbieten oder gebieten. Sie prägen ebenfalls die moralischen Überzeugungen.
Woher kommt die stärkste Prägung?
Wenn ich den Psychologen glauben darf, ist die stärkste Prägung die, die man frühkindlich übers Elternhaus bzw. durch die Erziehung mitbekommt.
Ist das auch so beim Thema Abtreibung?
Die Moral zum Thema Abtreibung ist vor allem davon geprägt, in welcher Kultur jemand groß wird. Im semitischen Kulturkreis, dem Judentum und Islam, gilt das frühe Ungeborene no