: Renate Günther-Greene
: Tabu Abtreibung Was Frauen fühlen und warum sie schweigen
: Ellert& Richter Verlag
: 9783831910359
: 1
: CHF 8.90
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 172
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Etwa 110 000 Frauen haben 2013 deutschlandweit abgetrieben. Die Dunkelziffer wird deutlich höher eingeschätzt. Man vermutet außerdem, dass mindestens jede fünfte Frau einmal in ihrem Leben abtreibt. Es gibt andere, die sogar von jeder dritten sprechen. Ein Teil dieser Frauen bewältigt die seelischen Folgen, aber nicht wenige leiden unter dem Verlust, Schuldgefühlen und Bestrafungsängsten, andere sogar unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Über deren Nöte wird nicht gesprochen. Liegt es vielleicht daran, dass wir fürchten, Wasser auf die Mühlen der Abtreibungsgegner zu schütten? Trauen wir uns deshalb nicht, über das Belastende dieses Eingriffs zu sprechen? Betroffene berichten, Experten aus Medizin und Ethik informieren über die psychischen Folgen bei vielen Frauen und bieten Denkanstöße. Dieses Buch soll helfen, eine gesellschaftliche Diskussion anzustoßen. Wir brauchen das Recht auf Abtreibung. Aber auch die Freiheit, über Probleme und Nöte zu sprechen. Um Lösungen zu finden.

Renate Günther Greene war über 30 Jahre Texterin und Kreativ-Direktorin bei der Werbeagentur Grey. Sie schuf Marken mit wegweisenden Kampagnen wie Visa's 'Die Freiheit nehm ich mir' oder 'Ich fühl mich wohl in Lenor'. Ihre preisgekrönte Sozialkampagne 'Schreib dich nicht ab, lerne Lesen und Schreiben' des Verbands für Alphabetisierung gab den Anstoß, als Dokumentarfilmerin Geschichten derjenigen zu erzählen, die sonst kein Gehör fänden. Für ihre Filme erhielt sie den AWO Journalistenpreis und den Werner-Bonhoff-Preis. Außerdem war sie für den Grimme-Preis nominiert.

„Was glaube ich, was das frühe Ungeborene ist? Darauf muss jeder Einzelne eine Antwort finden.“


Im Laufe meiner mehrjährigen Recherche tauchten immer wieder Themen auf, die mit grundsätzlichen Fragen zu unserer Moral zu tun hatten. Ich stieß dabei auf Prof. Dr. Nikolaus Knoepffler, Leiter des Ethikzentrums für angewandte Ethik, Universität Jena.

Er war meinen Fragen gegenüber aufgeschlossen und half mir mehrfach in Telefongesprächen weiter. Er munterte mich immer wieder auf: „Geben Sie nicht auf, dieses wichtige Thema weiter zu verfolgen. Aber es wird nicht leicht sein.“ Damals war noch nicht sicher, dass arte sich des Themas annehmen und dass daraus ein ganzes Projekt mit Film, DVD, Buch und medialen Aktionen erwachsen würde.

Gespannt fahre ich zu einem Interview mit Prof. Dr. Knoepffler vor Ort in Jena. Es kommt mir ein schlanker, mittelgroßer Mann entgegen. Er begrüßt mich mit einem herzlichen Willkommen – nicht nur auf seinen Lippen, sondern in seinem ganzen Habitus.

In seinem Arbeitszimmer hören uns viele Bücher zu, aber auch eine Büste von Hegel mit Hut. Sie begleitet wohlwollend unser Gespräch von einem hohen Regal.

Lieber Herr Professor Knoepffler, wie entsteht Moral?

Moralische Einstellungen werden vor allem von drei Ebenen geprägt: Auf der ersten Ebene von der Familie, die einem moralische Einstellungen lehrt. Dann natürlich von der Gesellschaft, in der man sich befindet. Dazu gehört auch, ob sie von Religionen geprägt ist. Die dritte Ebene ist die der Gesetze, die einem etwas verbieten oder gebieten. Sie prägen ebenfalls die moralischen Überzeugungen.

Woher kommt die stärkste Prägung?

Wenn ich den Psychologen glauben darf, ist die stärkste Prägung die, die man frühkindlich übers Elternhaus bzw. durch die Erziehung mitbekommt.

Ist das auch so beim Thema Abtreibung?

Die Moral zum Thema Abtreibung ist vor allem davon geprägt, in welcher Kultur jemand groß wird. Im semitischen Kulturkreis, dem Judentum und Islam, gilt das frühe Ungeborene no