Kapitel 1
Alix hielt unwillkürlich die Luft an.
Da war er, der Moment der Wahrheit. Der Moment, dem sie nach monatelanger Arbeit entgegengefiebert, den sie zugleich auch gefürchtet hatte. Sie atmete tief durch. Wird schon alles gut gehen, redete sie sich ein. Und dann schob sie das kleine braune Köfferchen über den niedrigen Kaffeetisch zwischen sich und ihrer Auftraggeberin.
»Hier ist es«, sagte sie auf Englisch.
Sophie Bingham beugte sich leicht vor. Sie war Anfang zwanzig, allein das war ungewöhnlich, die meisten ihrer Klienten waren mindestens Ende dreißig. Mit dem hochgeschlossenen, pflaumenfarbenen Kleid aus Moiréseide und mit cremefarbenen Spitzenkragen wirkte sie wie aus der Zeit gefallen, richtig altmodisch. Dazu passend trug sie die schwarz gefärbten Haare zu einem akkuraten, ultrakurzen Pony geschnitten, die langen Haare zu einem komplizierten Knoten im Nacken hochgesteckt. Sie hätte sich kaum mehr von Alix unterscheiden können.
»Ich traue mich gar nicht, es zu öffnen.« Sophies Englisch war sehr weich, abgeschliffener Ostküstenadel. Draußen vor den dreifach verglasten Schallschutzfenstern des New Yorker Stadthauses lärmte das Leben. Hier drin in der Bibliothek im dritten Stock war es still. Nur die drei Hunde auf den beiden gegenüberstehenden Sofas hechelten und schmatzten leise.
Ausgerechnet Hunde.
Alix mochte keine Tiere, aber Hunde fand sie besonders schlimm, egal ob kleine Kläffer oder große Wachhunde. Und als sie den Auftrag angenommen hatte, waren die Hunde mit keinem Wort erwähnt worden.
Sie hatte den Duft unter einer etwas anderen Prämisse entworfen. Auch in der Bibliothek hatte sich einiges verändert, seit sie vor fünf Monaten eine große Kiste mit Stoffproben, Fotos und anderen Materialien erhalten hatte. An diesem Morgen hatte sie das Haus zum ersten Mal betreten, doch seit November war sie in Gedanken immer wieder die einzelnen Räume abgeschritten. Manche Auftraggeberinnen waren nicht bereit, ihr das Haus, für das Alix einen neuen Raumduft komponieren sollte, vorab zu öffnen. Und sie akzeptierte diese Bedingung, auch wenn sie ihre Arbeit ein wenig erschwerte, da sie so nur das zu sehen bekam, was eine Auftraggeberin von sich preisgeben wollte. Damit würde der Duft eher am Traum-Ich der Bewohnerin ausgerichtet werden. Aber das war im Grunde sogar etwas leichter, weil sie anhand der Listen, Fotos und Stoffproben erkannte, was die Auftraggeberin sein wollte.
Entworfen