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»Was für ein tolles Urlaubswetter«, sagte Alizée Mahé enttäuscht und ließ ihren Blick über den Indischen Ozean schweifen, der ein verwaschenes Graublau zeigte anstelle des leuchtenden Azurblaus der Schönwettertage und des verführerischen Türkisblaus der Lagunen.
Die Brandung klatschte heftig gegen die Klippen. Dunkle Wolken jagten drohend über den Himmel und der schwarzbraune Lavasand des Strandes verdüsterte die Atmosphäre zusätzlich. Es war, als wolle der Tropensturm, der drei Tage zuvor über La Réunion gewütet hatte, noch einmal zurückkehren.
»Das launische Wetter ist eben typisch für diese eigenwillige Insel«, erwiderte Lucien Mahé gelassen.
Seine Heimat war ein wildes Stück Frankreich, das ständig den Naturgewalten unterworfen war. Seit Kurzem lebte er nun wieder hier, nach dreiundzwanzig Jahren im französischen Mutterland. Alizée war dort geboren und aufgewachsen. Für sie war La Réunion nur ein Urlaubsparadies. Ein Paradies mit Tücken.
»Das kann morgen schon wieder ganz anders aussehen«, tröstete er sie und lud ihr Gepäck aus dem Kofferraum seines schon leicht verbeulten Peugeot 207.
»Und das Hotel sieht schön aus«, bemerkte Yannick Lefèvre mit einem Blick auf die lang gestreckte Anlage und schloss seinen Geländewagen ab, den er direkt neben Luciens Auto geparkt hatte.
Das Miramar Hotel& Spa in L’Étang-Salé-les-Bains an der Westküste der Insel bestand aus einem sandfarbenen Haupthaus und mehreren Bungalows in einer weitläufigen, gepflegten Gartenanlage, in der üppig tropische Pflanzen gediehen. Die flachen Gebäude fügten sich harmonisch in die Landschaft ein. Flamboyant-Bäume leuchteten rot gegen den grauen Himmel, und der türkisblaue Pool trotzte dem düsteren Wetter als strahlender Farbklecks.
Melissa, die eine Jugendfreundin von Lucien und die Witwe von Yannicks kürzlich verstorbenem Vater war, hatte ihnen das Hotel empfohlen.
»Erst mal sehen, ob wir hier überhaupt Zimmer bekommen«, sagte Lucien.
Yannick blickte ihn überrascht an. »Hast du nicht reserviert?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Wie du weißt, war es schon spät, als wir gestern Abend aus Saint-Benoît zurückgekommen sind, und ich hatte keine Lust, noch ins Café zu gehen, um WLAN zu haben und im Internet nach den Kontaktdaten dieses Hotels zu suchen.«
Alizée stöhnte auf. »Kauf dir endlich einen Internet-Stick.«
»Da ich nun weiß, dass ich hierbleibe, werde ich am besten gleich einen Vertrag für Festnetz und Internet abschließen.«
Seit Lucien nach La Réunion zurückgekehrt war, lebte er in der kleinen Küstenstadt Saint-Pierre im Haus seiner Mutter, die vor einem halben Jahr zu ihrem Lebensgefährten nach Saint-Benoît gezogen war. Am Vortag hatte er beschlossen, dort wohnen zu bleiben und ihr das Haus abzukaufen.
»Abgesehen davon finde ich es sowieso besser, mir vor Ort einen Überblick zu verschaffen, statt irgendwas auf der Grundlage von gefakten Werbefotos und trügerischen Versprechen zu buchen.«
»Misstrauen ist bei dir eine Berufskrankheit, oder?«, fragte Yannick kopfschüttelnd.
»Ich fürchte ja. Zwanzig Jahre Kripo lassen sich nicht so einfach ablegen.«
Sie nahmen das Gepäck und schlenderten vom Gästeparkplatz zur Rezeption. Die Lobby des Hotels war in einem anheimelnden, afrikanisch inspirierten Stil gehalten, mit viel Holz und Pflanzen in großen Kübeln. Gemütliche Sitzmöbel waren mit gemustertem Stoff im Ethnolook bezogen.
»Wir möchten bitte drei Einzelzimmer«, sagte Lucien zum Empfangschef.
Dieser tippte etwas in den Computer. »Tut mir leid, wir haben nur Doppelzimmer zur Einzelbenutzung, und es sin