Prolog
Hollinbrook in Crowley war eine absolut typische Vorortsiedlung.
Nicht wohlhabend, aber die Gärten waren gepflegt, die Rasenflächen sauber, wenn nicht gar übertrieben penibel gemäht. Die Autos auf den Zufahrten waren überwiegend Familienkutschen. Einige waren schon ein wenig ramponiert, und alle vermittelten den Eindruck, dass ihre Eigentümer nicht gerade reich waren, sondern eher mittlere Einkommen bezogen. Doch auch wenn Hollinbrook keine wohlhabende Siedlung war, vermittelte sie durchaus ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Sie gehörte zwar zum ausgedehnten Ballungsraum Greater Manchester, aber die Gegend war friedlich und ruhig, eher beschaulich. Die Kinder spielten hier unbeaufsichtigt, und Rentner wie Harry Hopkins führten ihren Hund zu einem spätabendlichen Gassigang aus, ohne befürchten zu müssen, dass ihnen womöglich etwas Schlimmes zustieß.
Nicht, dass Harry sich normalerweise um so etwas Gedanken machte. Als ehemaliger Grubenarbeiter war er in seinen jungen Jahren ein kräftiger Kerl gewesen, und auch wenn er inzwischen siebenundsiebzig war, wirkte er immer noch ziemlich robust und wie jemand, mit dem nicht zu spaßen war. Zuseiner Zeit hatte das Wort »schuften« noch etwas bedeutet: Schweiß, Muskelkater, Schnitte und Schwielen an den Händen und einen von Kohlenstaub schwarz umhüllten Körper. Und nichts von alledem war Anlass zur Klage gewesen, denn das war dein Job gewesen, dein Leben, das, was du gemacht hattest, um etwas zu essen auf den Tisch zu bringen.
Inzwischen war ein Vierteljahrhundert vergangen, seitdem die Grube Hollinbrook geschlossen worden war, aber Harry war nicht das einzige Relikt aus diesen schweißtreibenden Tagen. Er wohnte immer noch an der Atkinson Row Nummer 8, der einzigen Reihe von Häusern, die Ende der 1990er-Jahre nicht plattgemacht worden war, als schließlich mit der Neubebauung des Brachlands begonnen worden war. Dass die Häuser an der Atkinson Row die Bulldozer überlebt hatten, lag unter anderem daran, dass sie in dem geplanten neuen Stadtbild keinesfalls fehl am Platz gewirkt hatten. Die Häuser waren mehr als zweckdienlich. Es handelte sich um die typischen kleinen Reihenhäuser mit zwei Zimmern unten und zwei oben, doch sie verfügten über solide Dächer, sichere Fundamente, und es gab keinen Hinweis auf etwaige durch den Bergbau verursachte Bodenabsenkungen. Dieser Tage waren die Häuser geradezu ansehnlich. Das Mauerwerk war neu verfugt und frisch gestrichen, die Abflussrohre und die Regenrinnen waren ebenfalls neu, und hinter jedem Haus gab es einen kleinen Garten statt wie früher einen winzigen Hof mit Außentoilette. In der Siedlung hießen sie immer noch die »Grubenhäuser«, obwohl Harry der einzige ehemalige Grubenarbeiter war, der noch dort wohnte. Seitdem Ada vor neun Jahren gestorben war, lebte er allein, doch mit den Blumenkästen unter den vorderen Fenstern und der kanariengelb lackierten Haustür war sein Haus von allen das ansprechendste.
Um kurz nach zehn abends zog Harry die hübsche Tür seines Hauses hinter sich zu und hörte, wie das Schloss einrastete. Milly, seine kleine Pekinesin, wartete geduldig. Sie war inzwischen dreizehn Jahre alt, wohlgenährt, hatte graues Fell an den Wangen und krumme Beinchen. Aber sie war ein liebevolles kleines Wesen und liebte nichts mehr als einen gemächlichen Spaziergang mit ihrem Herrchen. Harry knöpfte seinen Mantel zu, zog seinen Filzhut tiefer in die Stirn und streifte seine fingerlosen Handschuhe über. Es war September, und die glühende Augusthitze hatte merklich nachgelassen. Die Abende waren kühl, dazu blies auch noch eine frische Brise.
Die beid