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Hamburg, Eppendorfer Klinikum
1. Dezember 1892
Svantje hielt ihre Schwesternhaube in den Händen und lauschte gebannt. Sie musste sich zwingen, den Stoff nicht vor lauter Anspannung zusammenzudrücken. Nebenan kam es zu einem Eklat, wie ihn das Eppendorfer Klinikum noch nicht gesehen hatte. Und zwar wegen ihr. Sie wollte all das gar nicht, doch Doktor Schawacht bestand darauf.
Seitdem sie im August und September gemeinsam eine Cholerabaracke am Hafen geleitet hatten, hielt er große Stücke auf sie. Auf ihrer Hochzeit wenige Wochen später hatte er ihr angeboten, Oberschwester in seinem Stab zu werden. Nun sollte sie ein eigenes Büro bekommen, doch dafür musste erst ein Zimmer geräumt werden. Die Schwestern der Station hatten zwar einen gemeinsamen Raum, doch der war mehr Lager und Durchgangsbereich und bot entsprechend wenig Ruhe.
Schawacht war entschlossen, das zu ändern, und dazu musste jemand anders seinen Platz räumen, und zwar der angehende Arzt Sebastian Küfer, der sich leichtfertig einen lebensbedrohlichen Fehler erlaubt hatte.
Wahrscheinlich hatte Doktor Schawacht Svantje in dem Glauben rufen lassen, dass der angehende Arzt seiner Anordnung sofort Folge leisten würde. Doch der gab nicht so schnell klein bei und sah nicht einmal seinen Fehler ein. Deshalb hörte sie nun alles mit an und fühlte sich mit jeder verstreichenden Minute unwohler. Natürlich hatte der Student einen gewaltigen Kunstfehler begangen, und Svantje teilte Schawachts Meinung, dass er noch nicht bereit war, sich am Leben von Patienten zu versuchen. Andererseits würde es für Außenstehende nun so aussehen, als gehe Doktor Schawacht für seinen Schützling, also sie, über Leichen. Svantje hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst oder zumindest weitergearbeitet, sich nützlich gemacht, statt im Flur zu warten und zu hören, was nicht für ihre Ohren bestimmt war. In dem Zimmer wurden Stimmen laut. »Küfer, Sie haben sich in den letzten Wochen nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Gehen Sie wieder an die Universität zurück, und verfeinern Sie Ihr Handwerk. In einem Jahr versuchen wir es noch einmal.«
»Mein Vater wird …«, protestierte der angehende Arzt.
»Ihr Vater wird gar nichts, Herr Küfer. Wenn Sie ihn herschicken, werde ich ihm sagen, dass Sie nicht verstehen, sauber zu arbeiten, was die Grundvoraussetzung für eine jede Operation ist. Sterilität rettet Leben, das sollte gerade Ihnen als Hamburger doch bekannt sein! Ihr letzter Patient hat wegen Ihnen ein Bein verloren. Ohne das beherzte Eingreifen von Schwester Falkenberg läge er nun unter der Erde. Und Sie wollen allen Ernstes mit mir diskutieren?«
Svantje war zusammengezuckt, als sie ihren Namen hörte. An den Fall erinnerte sie sich genau. Es war erst eine Woche her. Küfer hatte die Hände nur kurz unter den Wasserstrahl gehalten, statt sie gründlich einzuseifen. Er hatte einem Mann operativ einen Zeh abnehmen sollen, der bei einem Arbeitsunfall zertrümmert worden war. Der Stumpf war einen Tag später brandig geworden, und Schawacht, alarmiert von Svantje, hatte dem Patienten mitten in der Nacht den Unterschenkel abgenommen, um zumindest sein Leben zu retten. Nun war der Mann ein Krüppel, und das nur, weil Küfer zu arrogant gewesen war, die mindesten Hygienestandards einzuhalten.
Nein, es tat ihr nicht leid, dass der Medizinstudent nun sein Büro räumen musste, ganz im Gegenteil. Er sollte seine Fertigkeiten lieber noch eine Weile an Toten üben, bevor er das Leben eines weiteren Patienten ruinierte.
Die Universitäten schickten oft angehende und junge Ärzte in die Armenabteilung, wo sie an jenen, die in den Augen der Obrigkeit nur wenig Wert hatten, ihre Fähigkeiten erproben konnten.
Gute Studenten waren eine Bereicherung. Dann gab es zumindest für kurze Zeit genug Operateure für all die Menschen, die jeden Tag ins Krankenhaus gebracht wurden. Denn die Zahl der Armen wuchs beständig und damit auch die Menge der Patienten, die ohne Geld in die Krankenhäuser kamen. Bürgerliche und Wohlhabende, die in einem anderen Flügel untergebracht waren, wurden stets bestens und von ausreichend Personal versorgt. Anders die schlecht verdienenden Arbeiter. Svantje hatte den Eindruck, dass sich viele Ärzte zu fein waren, sie überhaupt zu behandeln. Nur einige wenige gab es, die sich wie Doktor Schawacht den Schicksalen der einfachen Leute verschrieben hatten.
Auch Svantje fühlte sich den Menschen in den überfüllten Krankensälen nahe. War ihre Familie doch selbst erst vor sieben Jahren hierher in die Stadt gekommen