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Altes Land, 1885
Svantje zerrte mit aller Kraft an den Stricken, doch die beiden Ziegenböcke blieben stur. Erst als Mutter drohend den Stock hob, warfen sie sich wieder ins Geschirr und zogen den hoch beladenen Karren vorwärts.
»Du darfst nicht so zögerlich sein!«, mahnte die Mutter und drückte dem Mädchen die Weidenrute in die Hand. »In der Stadt kommst du so auch nicht weiter.«
»Ja, Mutter«, erwiderte Svantje folgsam und wischte sich den Schweiß von der Stirn und die Tränen aus den Augen. Sie hasste es, Tiere zu schlagen. Kein Wesen verdiente es, schlecht behandelt zu werden! Die Rute hätte sie am liebsten fortgeworfen, doch ihre Mutter würde das nicht dulden. Die Ziegen kannten die Peitsche und waren nun, da Svantje sie in der Hand hielt, viel folgsamer. »Wir müssen alle schuften, also los, ihrzwee«, ermunterte sie die Böcke.
Sie hatten nur kurz Rast gemacht, um den Tieren und sich in der größten Mittagshitze eine Pause zu gönnen. Svantje hatte schon jetzt das Gefühl, keinen Schritt mehr tun zu können. Die hölzerne Trage auf ihrem Rücken schien von Stunde zu Stunde schwerer zu werden, und die kaum gepolsterten Riemen schnitten ihr in die Schultern. Klagen wollte sie dennoch nicht.
Mutter trug noch viel mehr Last und zog einen Karren hinter sich her, dazu hatte sie sich den kleinen Piet umgebunden, der ständig quengelte und weinte. Mit seinen drei Monaten verstand er nicht, warum er nicht in seiner Krippe schlafen durfte. Doch die war mit so vielen anderen Dingen in ihrem alten Haus zurückgeblieben.
Wann immer Svantje an den Ort dachte, an dem sie jeden Tag ihres dreizehn Jahre alten Lebens verbracht hatte, begannen ihre Augen zu brennen. Vermutlich würde sie den Hof nie wiedersehen. Nach dem letzten Elbhochwasser, dem dritten in wenigen Jahren, war er endgültig nicht mehr zu retten gewesen. Die Wände aus Fachwerk hatten dem erneuten Ansturm nicht standgehalten und waren einfach davongespült worden, genauso wie der Pflug. Das Ständerwerk schimmelte im abgelagerten Schlamm, das Vieh war ertrunken.
»Wir müssen fort«, hatte Mutter beschlossen. »Gott will es so.« Vater war schon vor einigen Jahren nach Hamburg gegangen, um außerhalb der Aussaat und Erntezeiten auf einer Schiffswerft zu arbeiten. Nun würden sie ihm folgen. Das Land war für einen kümmerlichen Preis verkauft worden. Der Erlös reichte gerade aus, um die Schulden bei der Bank zu tilgen.
Freude auf den Vater wollte sich bei Svantje nicht so recht einstellen. Er war schon lange zu einem Fremden geworden, der alle paar Monate blass und hager zu ihnen kam, sich beinahe zu Tode ackerte und dann wieder verschwand. Er machte es Svantje nicht leicht, ihn zu lieben, aber sie tat es doch, still und leise, tief in sich vergraben. Sie wusste, dass er all die Mühen auf sich nahm, damit seine kleine Familie ein besseres Auskommen hatte. Er schuftete für Mutter, für sie und für den kleinen Piet.
Von nun an würden sie wieder zusammenleben. Bald, in der großen Stadt, die sie noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte. »Tor zur Welt« hatte Vater sie genannt, weil jeden Tag und jede Stunde Schiffe aus allen Himmelsrichtungen eintrafen.
»Wie lange dauert es noch, bis wir da sind, Mutter?«
»Zwei Tage noch, vielleicht drei, und jetzt frag nicht mehr. Bitte den Herrgott lieber darum, dass wir fürhüüt Nach eine Bleibe finden, denn dort kommt ein Unwetter heran.«
Sie wies nach Westen, wo sich dunkle Wolkentürme über den Horizont schoben. Drückend feucht war es geworden, aber noch immer heiß. In den trockenen Wiesen sangen die Grillen, und die Luftfeuchtigkeit lockte allerlei Plagegeister hervor. In Scharen fielen dicke Bremsen über Ziegen und Menschen her.
Das Vorankommen wurde immer mühsamer. Svantje meinte, kaum noch einen Schritt tun zu können, trotzdem kämpften sie sich immer weiter voran. Hin und wieder wurden sie von anderen Reisenden überholt. Von einem Händler mit einem dicht bepackten Leiterwagen, der sie schimpfend vom Weg trieb; von einem Zimmermann auf Wanderschaft, der seinen Hut lupfte und mit seinen langen Beinen an ihnen vorbeieilte, als spüre er die drückende Hitze nicht.
Mutter Claasens Wunsch, einen Hof zu finden, der ihnen Unterschlupf bot, wurde nicht erhört. Schon eine Weile verfolgte sie das aufziehende Unwetter mit tiefem Grollen und schweren Böen.
Piet zuckte bei jedem Donnerschlag zusammen und wimmerte.
»Gnade Gottes«, hörte Svantje ihre Mutter leise sagen, dann folgte ein Gebet.
Sie waren auf offenem Feld. Bis auf einige Büsche, einen Baum hier und da und den Graben neben dem Weg gab es keinen Schutz. Stur zerrte Sv