11
Seit Nina in Doros Haus wohnte, gab es für sie zwei feste Termine in der Woche. Jeden Sonntagabend schaute sie gemeinsam mit Yasemin und Doro den Tatort im Fernsehen. Während ihre beiden Freundinnen stets hoch konzentriert das Geschehen verfolgten, übernahm sie zuverlässig die Rolle der Spielverderberin und ließ Kommentare fallen wie »Das ist so unrealistisch« oder »Ja, schon klar. Er war’s. Wie lahm«.
Je nachdem, was gerade zur Hand war, warf Yasemin dann Chipstüten, Kissen und neuerdings auch Babyspielzeug in ihre Richtung.
Jeden Mittwochabend lud Dorothee Yasemin und Nina zum Essen ein. Ihre Vermieterin war eine ausgezeichnete Köchin, die sie je nach Jahreszeit mit deftigem Braten, Rouladen, einer raffinierten Suppe oder auch mal einem Salat verwöhnte. Doch als Nina an diesem Abend Doros Wohnung betrat, roch es weder nach köstlichem Gebratenen noch war wie sonst der Tisch liebevoll gedeckt. Stattdessen war Doro damit beschäftigt, ihr Wohnzimmer in die Kommandozentrale von einst zu verwandeln. Rechts neben dem Schreibtisch hatte sie bereits Platz für die Magnetwand freigeräumt, die sie damals genutzt hatten, um ihre Ermittlungsergebnisse zusammenzutragen.
»Hilf mir mal gerade«, bat sie Nina und führte sie in ihren Abstellraum. Gemeinsam trugen sie die Magnetwand an den vorgesehenen Platz. »Sehr schön.« Doros Wangen waren von der Anstrengung des Tragens und vielleicht auch vor Vorfreude gerötet. »Jetzt schmiere ich uns schnell ein paar Brote, schneide uns Gürkchen auf und sobald Yasemin hochkommt, planen wir unser Vorgehen.«
Während Dorothee in die Küche verschwand, setzte sich Nina leise seufzend aufs Sofa. Sie hatte sich auf ein warmes Abendessen gefreut, doch daraus wurde wohl nichts. Bei ihr blieb die Küche meistens kalt, zum Kochen fehlten ihr Lust und Geduld. In der Regel schmierte sie sich ein Brot, aß einen Fertigsalat oder ein Müsli. Und sie kannte so ziemlich jeden Schnellimbiss der Stadt. Deshalb stellten Abendessen bei Doro und die gelegentlichen Restaurantbesuche mit Tim ihre kulinarischen Highlights dar.
Sie blickte nach rechts. Von Doros Mitbewohnerin Thekla, die neben dem Sofa im Terrarium hauste, konnte sie kein Mitleid erwarten. Die Vogelspinne verharrte starr in der linken Ecke ihres Domizils. Auf dem Wohnzimmertisch entdeckte Nina die Zeitschrift eines lokalen Lions Clubs und nahm sie in die Hand.
»Bist du eine Löwin?«, fragte Nina Dorothee, die aus der Küche zurückkehrte.
»Nein, Jungfrau«, antwortete die prompt und lachte los, als sie das Blatt in Ninas Händen sah. »Ach so, ja. Ich bin da Mitglied. Ich gestalte manchmal Flyer für Veranstaltungen und schreibe auch Pressemitteilungen. Dinge, für die man die eigenen vier Wände nicht verlassen muss. Der Lions Club unterstützt lokale Vereine und Initiativen.« Doro war auf Heimarbeit angewiesen, denn sie litt an Agoraphobie.
Nina blätterte durch das Magazin. Als sie auf der hinteren Seite bei einem Nachruf hängen blieb, entfuhr ihrer Vermieterin ein tiefes Seufzen und Nina blickte hoch. »Kanntest du den Mann?«
Doro nickte. »Ich habe mit Volker ein paar Semester zusammen studiert. Ein sehr intelligenter Typ. Zudem sehr attraktiv«, setzte sie hinterher und lächelte dabei. »Er war einige Jahre jünger als ich. Ich habe ja erst eine Ausbildung gemacht und später