Manchmal stirbt man schneller, als man denkt
„Bemiss deine Lebenszeit; für so vieles reicht sie nicht.“ Es sind besonders kluge Worte, die von dem römischen Philosophen und Schriftsteller Seneca stammen. Wie viel Zeit bleibt jedem von uns? Wie kann er sie bestmöglich nutzen? Diese Fragen beschäftigen die meisten Menschen. Und während viele zumindest auf die zweite Frage ihre ganz persönliche Antwort finden, bleibt die erste im Dunkeln. Als Rechtsmediziner und damit als Experte in Sachen Tod wird man häufig in Diskussionen einbezogen, bei denen es um den Wert des menschlichen Lebens geht. Auch um den Sinn des Lebens, um die Frage eines Lebens nach dem Tod oder die Einstellung zu Tod und Sterben ganz allgemein.
Eine Feststellung ist gleichermaßen banal und tiefsinnig: Das einzig Sichere im menschlichen Leben ist, dass wir sterben müssen. Wir wissen nur nicht genau wann, wie, wo und woran. Die Fälle in der Rechtsmedizin lehren uns: Leider stirbt man manchmal schneller, als man denkt.
Dieser Gedanke macht vielen von uns Angst. Es gibt nicht wenige, die dagegen anarbeiten, zum Beispiel, indem sie versuchen, besonders gesund zu leben, indem sie häufig Ärzte aufsuchen oder ängstlich allen möglichen Gefahren aus dem Weg gehen. Das kann sich in Einzelfällen bis hin zu einer Phobie entwickeln, oder es entstehen Persönlichkeitsstörungen oder psychosomatische Krankheitsbilder. Andere Menschen haben Angst davor, eventuell vorschnell für tot erklärt zu werden. Die Furcht vor dem Scheintod gehört zu unseren Urängsten.
Und manche Menschen scheinen überhaupt keine Angst vor dem Tod zu haben. Sie stürzen sich in waghalsige Abenteuer, vielleicht treiben sie relativ gefährliche Sportarten wie Autorennen, Speedboot, Klettertouren und Gleitschirmfliegen. Sie scheinen den Kitzel der Gefahr regelrecht zu suchen.
Für diesen Typus gilt: Den Bruchteil einer Sekunde unaufmerksam, einmal falsch reagiert, ein Fehltritt, eine falsche Entscheidung – schon ist man tot. Einerseits ist der Mensch ein biologisches Wunderwerk. Man überlege nur: 60 Herzschläge pro Minute, 60 x 60 pro Stunde, 60 x 60 x 24 pro Tag, 60 x 60 x 24 x 365 pro Jahr, und das eventuell hundert Jahre lang: 60 x 60 x 24 x 365 x 100 = 3.153.600.000 Herzschläge ohne eine einzige Rhythmusstörung. Und andererseits genügt ein unter Umständen winziger Moment zur falschen Zeit für eine tödliche Komplikation.
Unsere genetische Information ist darauf ausgerichtet, dass wir maximal 120 Jahre alt werden können. Einige Menschen wollen allerdings nicht wahrhaben, dass dann auch die DNA so gealtert ist, dass die zum Weiterleben erforderlichen Steuerungsvorgänge versagen. In der Hoffnung, später einmal wieder aufgeweckt zu werden und weiterzuleben, lässt sich mancher bei minus 192 Grad in flüssigem Stickstoff einfrieren. In diesem Zusammenhang entsteht natürlich die Frage, ob es der Wissenschaft eines Tages gelingt, an u