: Harald Martenstein, Lorenz Maroldt
: Berlin in hundert Kapiteln, von denen leider nur dreizehn fertig wurden
: Ullstein
: 9783843722544
: 1
: CHF 9.90
:
: Sozialwissenschaften allgemein
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Vom Wahnsinn umjubelt, ins Scheitern verliebt: die bittersüße Wahrheit über unsere Hauptstadt Kann man Berlin in Worte fassen? Ein Konglomerat aus fast vier Millionen, die sich daran gewöhnt haben, dass man hier zu allem bereit, aber zu nichts zu gebrauchen ist?  Berlin sei 'dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein' - dies schrieb vor hundert Jahren Karl Scheffler in seinem Buch 'Berlin. Ein Stadtschicksal'. Lorenz Maroldt und Harald Martenstein, der eine Chefredakteur, der andere Bestsellerautor und beide dicht am unregelmäßigen Pulsschlag der Hauptstadt, machen sich daran, das Schicksal Berlins und das hiesige Durchlavieren neu zu beschreiben. Sie schaffen das erzählerische Porträt einer Stadt, die ihresgleichen sucht - im Guten wie im Bösen, von Bezirk zu Bezirk, zwischen bemitleidenswerten Ordnungsämtern und resignierenden Ordnungshütern, umspült von Touristenmillionen, mit Politikern, für die der Bau eines Flughafens lange Zeit nicht viel mehr war als ein Running Gag. Maroldt und Martenstein schildern in ihrer humorvollen Ortsbegehung, warum man an Berlin so intensiv leidet, wie man gerne hier lebt. 

 Harald Martenstein, geboren 1953 in Mainz, ist ein deutscher Journalist und Autor. Seit 2002 schreibt er eine Kolumne für Die Zeit, die auch im Radio zu hören ist. Für seine Arbeit wurde er mit dem Egon-Erwin-Kisch-, dem Henri-Nannen- und dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. 2023 erhielt er den Medienpreis für Sprachkritik der Gesellschaft für deutsche Sprache. Außerdem lehrt er an verschiedenen Journalistensch len. Harald Martenstein lebt in Berlin und der Uckermark. 

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Ins Scheitern verliebt


Die Berliner Mängelliste ist lang. Hier eine Kurzfassung.

Als wegen der Coronakrise die Berliner Spielplätze offiziell geschlossen wurden, erschienen in unserer Gegend Mitarbeiter des Bezirks und knoteten Baustellenbänder um die Gittertüren. Bei Spielplätzen, die nicht umzäunt waren, flochten sie ihr Flatterband um die Spielgeräte. Ein paar Tage später waren die Spielplätze zu Hotspots für gelangweilte Jugendliche geworden, sie saßen auf den Klettergerüsten, rauchten und chillten.

Nachdem der Bund die Schließung aller Spielplätze empfohlen hatte, machte Berlin erst mal gar nichts. Viele Familien wohnten in kleinen Wohnungen, hieß es, die Kinder bräuchten die Spielplätze, sicher ein bedenkenswertes Argument. Fünf Bezirke sahen es anders und schlossen ihre Spielplätze trotzdem. Die Empfehlung der Gesundheitssenatorin, beim Spielen Distanz zu wahren, war von den Kindern überraschenderweise nicht befolgt worden. Welchen Sinn aber könnte es haben, Kitas und Kindergärten zu schließen, wenn die Virenübergabe dann eben am Klettergerüst stattfindet? Der Regierende Bürgermeister hatte in den Tagen zuvor immer wieder einheitliches Handeln der Länder gefordert. Nun zeigte sich, dass er nicht mal im eigenen Gärtlein den föderalen Wildwuchs unter Kontrolle hatte. Am 10. März 2020, einem Dienstag, war längst klar, dass Corona eine schwierige Herausforderung würde und dass auch Berlin sich dazu wohl irgendwie verhalten musste. Der Senat tagte und beschloss, nichts zu tun. Michael Müller wollte, siehe oben, die nächste Ministerpräsidentenkonferenz abwarten. Wer weiß, aus welcher Richtung der Wind da wehen würde.

Der öffentliche Druck und der aus den eigenen Reihen, auch der SPD, wuchs allerdings ununterbrochen. Nun verkündete Müller, der öffentliche Nahverkehr werde eingeschränkt. Die Verkehrssenatorin ließ wissen, dass sie gegen diese Maßnahme sei. Am Freitag rang sich der Senat dazu durch, Bars und Kneipen zu schließen, allerdings erst in der darauffolgenden Woche. Berlin und seine Virenpopulation sollten vorher noch einmal ein gemeinsames Ausgehwochenende feiern. Anders sei das rechtlich gar nicht möglich.

Weil klar war, dass diese Party für lange Zeit die letzte sein dürfte, war es Freitagnacht überall rappelvoll. Am Samstag aber fiel dem Senat auf, dass in Bayern die Lokale bereits geschlossen waren, au