Kapitel 1
Die Schweißperlen auf meiner Stirn stammten heute ausnahmsweise mal nicht von meinen Wechselbeschwerden. Ich hatte schlicht und ergreifend Todesangst.
Darf man als Mutter einer Fahranfängerin eigentlich die Augen schließen, bis man am Ziel ist? Gibt es da irgendwelche Vorschriften von der Führerscheinstelle?
Ich hatte mir wirklich fest vorgenommen, ganz locker und cool zu bleiben. Doch nun stand ich kurz davor, meine Tochter anzuflehen, mich aussteigen zu lassen. Jetzt konnte ich auch nachvollziehen, warum Emma die praktische Fahrprüfung erst im dritten Anlauf geschafft hatte. Und zwar heute. Vor genau einer halben Stunde. Noch beim Frühstück hatte ich mich lautstark über den Fahrlehrer ausgelassen, der meiner Tochter mehr Fahrstunden aufgebrummt hatte, als mein Budget eigentlich verkraften konnte. Doch jetzt leistete ich innerlich Abbitte. Ich stand kurz davor, ihn anzurufen und zu fragen, welches Wahnsinns-Mittel er nahm, um solche Fahrten nervlich zu überstehen. Genau das hätte ich nämlich auch gern! In doppelter Dosis!
Warum zum Teufel hatte er zugelassen, dass der Prüfer Emma die Fahrerlaubnis erteilt hatte? Führerschein mit 17! Wem war nur so ein Irrsinn eingefallen? Meine Generation war damals immerhin schon 18 gewesen. Und kaum hatten wir bestanden, waren die einzigen Beifahrer Freunde und Mitschüler gewesen. Oder irgendwelche Tramper, die wir unterwegs aufgegabelt hatten, wenn es abends in die Disco oder auf ein Rockkonzert ging. Ich konnte mich jedenfalls nicht erinnern, dass unsere Eltern sich ohne Not von uns hatten herumkutschieren lassen. Wenn wir als Familie unterwegs gewesen waren, saß immer mein Vater am Steuer. Außer zu den seltenen Gelegenheiten, bei denen er mal einen über den Durst getrunken hatte. Dann – aber nur dann – durfte auch mal meine Mutter ran.
Mit Sätzen wie: »Du weißt schon, dass es auch einen vierten Gang gibt, Mina? … Wenn du noch langsamer fährst, fahren wir rückwärts … Als Gott die Talente zum Autofahren verteilte, warst du wohl gerade beim Kochkurs …« hatte er sie schier in den Wahnsinn getrieben. Bis sie irgendwann einmal mitten in der Nacht neben einer Telefonzelle völlig entnervt den Wagen angehalten und ein Taxi gerufen hatte.
»Wenn du dein Auto morgen früh in der Garage haben willst, dann steigst du jetzt in das Taxi!«, hatte sie in einem Ton gedroht, den meine Schwester Moni und ich bisher noch nie von ihr gehört hatten. »Wir kommen nach.«
Wir hatten mit offenen Mündern zugesehen, wie Vater tatsächlich mit hochrotem Kopf ins Taxi einstieg.
Die nächsten drei Tage redeten sie kein Wort miteinander. Am vierten Tag stritten sie so laut, dass es für unsere Nachbarn wie Kino in der ersten Reihe war – nur ohne Bild. Danach herrschte erstaunlicherweise wied