Nachdem er über eine sichere Leitung stundenlang mit dem Schützen verhandelt hatte, wiegte er sich in falscher Sicherheit. Er war fälschlicherweise davon ausgegangen, dass man mit einem Wahnsinnigen vernünftig reden könne.
Aber dann war erneut ein Schuss abgefeuert worden, und Hughs einziger Gedanke galt seiner Tochter.
Wren war zwei Jahre alt, als er sie mitgenommen hatte, um den kleinen Steg zu reparieren, der hinter Bex’ Grundstück in einen von Wasserpflanzen erstickten Teich ragte. Während sie im Gras saß und mit dem Spielzeug spielte, das sie von ihrer Tante bekommen hatte, fügte er mit dem Hammer die Bretter ein. Gerade eben hatte sie noch gelacht und vor sich hin gebrabbelt, aber jetzt gab es einen Platsch.
Hugh überlegte nicht lang. Er sprang vom Steg in den Teich, konnte aber wegen des Algendschungels und des trüben Wassers kaum etwas sehen. Seine Augen brannten, als er Ausschau nach allem hielt, was Wren sein könnte. Immer wieder tauchte er ab und trudelte mit ausgestreckten Armen durch die Schlingpflanzen, bis er endlich etwas Festes berührte. Mit Wren im Arm tauchte er wieder auf, legte sie auf den Steg, presste seinen Mund an ihren und beatmete sie so lange, bis sie das morastige Wasser erbrach.
Hugh hatte Wren angeschrien, die daraufhin in Tränen ausgebrochen war. Aber seine Wut war fehlgeleitet. Er war wütend auf sich, weil er so dumm gewesen war, sie aus den Augen zu lassen.
Ein Schuss war gefallen, und Hugh war wieder in diesem schlammigen Teich, versuchte blindlings, seine Tochter zu retten, und alles war seine Schuld.
Ein Schuss war gefallen, einer, der seine Schwester traf, und er war nicht da gewesen.
Ein Schuss war gefallen, was, wenn er schon wieder zu spät käme?
Captain Quandt war gleich darauf neben ihm. »McElroy«, sagte er. »Da ist eine Schießerei im Gange. Sie kennen das Protokoll.«
Das Protokoll sah vor einzugreifen, anstatt zu warten und den Verlust weiterer Opfer in Kauf zu nehmen. Aber das war verdammt riskant. Wenn Bewaffnete sich bedroht fühlten, bekamen sie Panik und feuerten wahllos.
Wäre er an Quandts Stelle gewesen, hätte er genauso reagiert. Aber Hugh hatte Quandt noch nicht gestanden, dass sich sein eigenes Kind unter den Geiseln befand. Das hier war nicht wahllos.
Auch bei anderen Geiselnahmen war es schon zu einem Blutbad gekommen, weil die Einsatzkräfte zu aggressiv vorgingen. 2012 hatten tschetschenische Rebellen in einem Theater Hunderte von Geiseln genommen und zwei davon getötet; russische Einsatzkräfte beschlossen, ein bisher noch nicht getestetes Gas einzusetzen, um die Pattsituation zu beenden. Sie töteten neununddreißig Terroristen, aber auch über hundert Geiseln.
Könnte das nicht wieder passieren, wenn Quandt da jetzt hineinginge?
»Das war keine Schießerei«, sagte Hugh, um Zeit zu schinden. »Es war ein einzelner Schuss. Gut möglich, dass die Bedrohung sich selbst ausgeschaltet hat.«
»Dann besteht auch kein Risiko«, gab Quandt zu bedenken. »Nichts wie rein.« Er wartete nicht auf eine Reaktion von Hugh, sondern machte auf dem Absatz kehrt, um