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Um vier Uhr morgens riss mich der Anruf meines jüngeren Bruders aus dem Schlaf. Er klang außer Atem, wie in Panik. Dieser ganz bestimmte Unterton, den ich nur allzu gut kannte, lag in seiner Stimme.
»Uriah Heep läuft im neunten Stock frei herum«, sagte er. »Und ich erwische ihn nicht.«
Ich war noch benebelt vom Schlaf, es dauerte ein paar Momente, bis die Bedeutung seiner Worte zu mir durchdrang. »Im Ernst, Charley?«, fragte ich, als es so weit war. »Schon wieder?«
»Ich habe Uriah Heep noch nie herbeigelesen.«
»Das stimmt, aber … du weißt schon, was ich meine.« Ich rieb mir die Augen und versuchte mich zu konzentrieren. Im Schlafzimmer war es stockdunkel und kalt, nur die Leuchtziffern des Digitalweckers spendeten etwas schummriges Licht. Ich hörte, wie Lydia sich neben mir mit einem Rascheln im Bett umdrehte, und hatte das Gefühl, zwischen zwei Welten zu schweben: der geistig gesunden, in der ich eingeschlafen war, und Charleys Welt, die durch den Telefonhörer nach mir griff. Es war ein vertrautes Gefühl. »Das ist Dickens, oder? Du weißt doch, dass du und Dickens nicht zusammenpassen … zumindest nicht besonders gut, oder wie auch immer man euer Verhältnis beschreiben soll. Ich dachte, du hättest dich in letzter Zeit auf Gedichte beschränkt. Auf diese postmodernen Satzgebilde, die sich lesen wie eine Mischung aus Lexikoneintrag und einem buddhistischen Mantra und denen kein Mensch auf der Welt einen Sinn abringen kann.«
»Es gibt kein Gedicht auf der Welt, in dem nicht irgendjemand einen Sinn erkennt.«
Ich war zwar immer noch nicht ganz wach, trotzdem bemerkte ich das Ablenkungsmanöver. »Du hast es versprochen. Du hast versprochen, dass es nie wieder passieren würde.«
»Ich weiß, und ich habe es auch so gemeint, und es tut mir leid.« Er flüsterte, wahrscheinlich, damit das Sicherheitspersonal nicht auf ihn aufmerksam wurde, das nachts über den Universitätscampus patrouillierte. Oder Uriah Heep. »Aber bitte,bitte, Rob, ich weiß, es ist spät, und du musst morgen zur Arbeit. Aber wenn man ihn morgens hier findet …«
»Schon gut, schon gut. Beruhige dich.« Ich verbarg meinen Ärger, so gut es ging. Es gab Zeiten, da musste ich Charley meinen Ärger spüren lassen, und es gab Momente, da würde ihn genau das zum Durchdrehen bringen. Jetzt war so ein Moment. »Bist du in deinem Büro? Bin schon unterwegs. Versuch inzwischen, ihn im Auge zu behalten. Sei in zehn Minuten unten an der Tür, und lass mich rein.«
Er seufzte. »Danke. Bei Gott, es tut mir wirklich leid, ich war nur eine Sekunde lang …«
»Zehn Minuten«, wiederholte ich und legte auf. Dann stieß auch ich einen Seufzer aus, lauschte, wie er in der Dunkelheit verhallte, und fuhr mir durchs Haar. Na ja. Es war ja nicht so, dass ichüberrascht gewesen wäre.
Ich spürte, wie mich Lydia von der anderen Seite des Bettes besorgt-verschlafen musterte.
»Mein Bruder«, erläuterte ich. »Er hat gerade eine Krise.«
»Ist es schlimm?«
»Das kommt schon wieder in Ordnung.«
Lydia wusste nicht allzu genau, wie die Krisen meines Bruders beschaffen waren, aber es war nicht das erste Mal, dass er mich wegen einer anrief. Nicht einmal das erste Mal, dass er mich wegen einer mitten in der Nacht aus dem Bett klingelte. Ich habe keine Ahnung, wer ihm zur Seite gesprungen war, als er noch in England lebte, aber seit seinem Umzug nach Wellington schien ich so etwas wie seine Notfallhotline zu sein. »Er braucht mal wieder Hilfe bei einem Problem. Du kennst ihn ja.«
»Du hast morgen Früh eine Verhandlung«, rief Lydia mir ins Gedächtnis.
»Ich weiß«, erwiderte ich. »Und ich werde pünktlich sein. Leg dich wieder schlafen.«
»Du kannst nicht ständig seine Probleme für ihn lösen. Er ist sechsundzwanzig.«