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Die Welle war gewaltig, furchteinflößend und schaurig schön, rollte auf sie zu und brach. Milena wusste, dass sie sie verschlingen würde, wenn sie nicht zurückwich.
In diesem Augenblick dachte sie an ihren Großvater, der sie vor der Gefahr der spitzen Felsen im Meer gewarnt hatte, damals, als er ihr das Schwimmen beibrachte.
Sie schloss einen Moment die Augen und öffnete sie wieder, nahm dann allen Mut zusammen und schwamm der näher kommenden Welle entgegen, spürte schon ihre bedrohliche Kraft. In einer Sekunde wäre sie bei ihr, würde sie mit sich reißen und unter Wasser ziehen. Es war der letzte Moment zur Umkehr. Kraftvoll und entschlossen änderte sie die Richtung und entfernte sich von ihr, bis sie eine ruhige Stelle erreicht hatte, die so blau war, wie es nur das Meer sein konnte.
Als sie das Ufer erreichte, brannte das Salz in ihrer Kehle, und ihr Herz raste. Sie hatte es geschafft, hatte richtig reagiert. So wie es ihr vom Großvater beigebracht worden war.
Schaudernd, dabei voller Stolz, stieg sie aus dem Wasser und streifte sich das dünne Kleid über den Badeanzug, drehte die tropfenden schwarzen Haare, die ihr über die Schultern fielen, zu einem Knoten. Dabei merkte sie, dass sie zitterte. Lag es am Wind oder an den Gedanken an das, was hätte passieren können? Sie wusste schließlich, wie gefährlich die Felsküste war, und hatte es dennoch getan. Weil sie mit einem Mal erkannte, bewusst nach der Herausforderung gesucht zu haben.
Eine unbezwingbare Energie schien tief in ihr zu stecken, sie zu zwingen, einem solchen Drängen nachzugeben. Wenngleich der Vergleich hinkte, kam sie sich vor wie eine Ballerina, die sich geradezu zwanghaft von der Musik treiben ließ.
Bevor sie sich auf den Heimweg machte, schaute sie hinauf zu den mächtigen Felsen, die sich über der malerischen Bucht erhoben und sie mit ihrer majestätischen Pracht einen Moment lang von allen anderen Gedanken ablenkten.
An diesem Morgen waren lediglich wenige Besucher an den Strand von Torre Sponda gekommen. Er verdankte seinen Namen einem mittelalterlichen Turm, der dort stand und als Sehenswürdigkeit galt. Den Touristen war der Himmel offenbar zu wolkenverhangen. Für Milena hingegen war es ein perfekter Tag, schließlich wusste sie, wie schnell die Septembersonne durchbrach. Lächelnd nickte sie ein paar vorbeigehenden Einwohnern Positanos zu.
Ursprünglich hatte sie lediglich barfuß am Strand spazieren gehen wollen, erst beim Anblick der Wellen, die sich an den Felsen brachen, war das Verlangen, den Schaum und das Salz auf ihrer Haut zu spüren, übermächtig geworden und hatte sie ins Meer getrieben. Immer tiefer war sie hineingegangen, der Wind hatte ihre Haare zerzaust und die Strömung sie irgendwann mit sich gerissen, um ihre elementare Kraft und ihre Überlegenheit zu beweisen. Zunächst hatte sie Herzklopfen und musste ihre Angst überwinden, dann hatte sie den Wellen getrotzt und gewonnen.
Ein entscheidendes Ergebnis für sie, eine wichtige Bestätigung.
Immerhin war sie hierher zurückgekehrt, um ihren Mut und ihre Tatkraft wiederzufinden. Um zu verstehen. Sie schlang das Badetuch um ihre Schultern und lief auf die Treppe zu, die zur Villa führte, und stieg die Steinstufen hoch. Dabei versuchte sie an nichts anderes zu denken als an das Meer und die Sonne, sich einzig auf das zu konzentrieren, was sie vor sich sah.
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