Eins
»Raus mit der Sprache, Claudia. Wie waren die Flitterwochen? Redet das glückliche Paar noch miteinander?«
Nervös strich sich Claudia über ihr sorgfältig gefärbtes nussbraunes Haar (Grau kam für sie nicht infrage, nicht einmal die platinblonde Version von Helen Mirren), während sie überlegte, was sie auf die Frage über die Hochzeit ihrer Tochter Gaby antworten sollte.
Tatsache war, dass Gaby die Trauung beinahe abgeblasen hätte, und zwar mit der Begründung, die Ehe ihrer Eltern sei ihr ein schlechtes Beispiel gewesen.
Wie Claudia zugeben musste, war der Zeitpunkt ausgesprochen ungünstig gewählt. Ihre Tochter hatte sie in den Armen des knackigen Chorleiters ertappt, der die wöchentliche Probe leitete. Und noch dazu an demselben Tag, an dem sie auf E-Mails gestoßen war, die an ihren Vater gerichtet waren und von einer alten Flamme stammten. Claudia hätte sich damit herausreden können, dass sie ihren geliebten Lehrerberuf an den Nagel gehängt hatte und widerwillig aufs Land gezogen war, um sich um ihre hinfälligen Eltern zu kümmern. Sie hatte keine Ahnung, was Dons Ausrede war.
»Sie sind wohlbehalten zurück und sehr glücklich, abgesehen davon, dass sie ein Haus bauen wollen und kein Geld haben. Natürlich alles die Schuld unserer Generation, die die Immobilienpreise in die Höhe getrieben hat.«
»Aber klar doch.« Ella lachte. »Angefangen bei ausgebeuteten Uber-Fahrern bis hin zu überteuerten Zweizimmerwohnungen sind wir an allem schuld. Schließlich sind wir die egoistischen Babyboomer.« Sie blickte sich im Grecian Grove um, der schäbigen Kellerbar mit ihren schauderhaften Wandgemälden, die lüsterne Schäfer auf der Jagd nach gelangweilt wirkenden Nymphen darstellten, wo die Freundinnen sich einmal im Monat trafen. »Liegt es an mir, oder sehen diese Nymphen wirklich älter aus?«
Die Erkenntnis, dass sie nach vierzig Jahren Freundschaft nicht jünger wurden, brachte sie alle zum Lachen.
»Wie dem auch sei«, verkündete Claudia. »Don und ich haben beschlossen, noch einmal von vorne anzufangen und das Landleben und einander zu lieben.«
»Viel Glück dabei.« Ella erhob ihr Glas. »Erkundigt sich denn niemand danach, wie es mir geht? Offen gestanden ziemlich gut.« Ihre beiden Freundinnen Claudia und Laura musterten sie. Ella sah wirklich gut aus. Das Alter hatte ihrem koboldhaften Äußeren nichts anhaben können. Mit Ausnahme eines vereinzelten grauen Haars wirkte sie genauso frisch und strotzend vor Tatendrang wie immer. »Das Haus war im Nu verkauft. Ich bin schon in mein kleines Häuschen am Fluss gezogen.«
»Mannomann, Ella, das ging aber schnell!«, wunderte sich Claudia.
»Aber ist dir der Umzug nicht schwergefallen?«, fragte Laura, die mit den Tränen kämpfte. Ihr stand nämlich auch ein Umzug bevor, allerdings kein freiwilliger. Sie steckte gerade mitten in einem unschönen Scheidungsverfahren, und Simon, ihr schrecklicher Ehemann, beharrte darauf, dass sie jetzt verkauften, da das Urteil bald gesprochen werden würde. Ella war stets sehr stolz auf ihr hübsches georgianisches Haus gewesen. Es hatte ihr mehr bedeutet als nur Steine und Mörtel. Laura verstand nicht, wie Ella den Verlust so sachlich betrachten konnte. »Wie lange hast du dort gewohnt?«
»Es fühlt sich gar nicht so lange an, war es aber«, erwiderte Ella. »Damals, als ich als Anwältin anfing und Laurence seine Firma gründete, war das Haus genau richtig für uns. Wie meine Töchter mir ständig unter die Nase reiben, hat es weniger gekostet als ein Einzimmerapartment in Dalston heute.«
Einen Moment dachten sie über den wahnwitzigen Immobilienmarkt in London nach, wo Millionäre in gewöhnlichen Doppelhaushälften wohnten und sich nur russische Oligarchen ein frei s