: Iona Grey
: Als die Nacht uns Sterne schenkte Roman
: Blanvalet Taschenbuch Verlag
: 9783641255985
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine Liebe, die nie sein durfte und dennoch alles überdauerte …

1926: Die junge Selina Lennox genießt ihre Jugend in der Londoner High Society in vollen Zügen. Exquisite Kleider, ausschweifende Partys, Champagner und Skandale, so kann es für immer weitergehen. Doch dann trifft sie in einer schicksalhaften Nacht auf Lawrence Weston. Für den mittellosen Künstler ist jeder Tag ein Kampf – gegen den Hunger und für das Ziel, mit seinen Bildern auf die Missstände im Land aufmerksam zu machen. Selina und Lawrence ist klar, dass sie nicht in die Welt des jeweils anderen gehören, und dennoch ist da etwas, das sie unaufhaltsam aufeinander zutreibt. Die beiden verbringen einen magischen, leidenschaftlichen Sommer miteinander. Doch sie wissen, dass dieser nicht für immer andauern kann …

Iona Grey studierte Englische Sprache und Literatur an der Manchester University. Ihre Begeisterung für Geschichte und ihr großes Interesse an Frauenschicksalen des 20. Jahrhunderts brachten sie dazu, ihren RomanAls unsere Herzen fliegen lerntenzu schreiben. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren Töchtern im Nordwesten Englands auf dem Land.

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Alice

Januar 1936

Erschöpft hing der gräulich gelbe Winterhimmel über der frostigen Landschaft. Zwar hatte es über Nacht geschneit, doch die wenigen schmutzig weißen, zu harten Kristallen gefrorenen Flecken waren die reinste Enttäuschung – bei Weitem nicht genug für einen Schneemann (Würde man ihr überhaupt erlauben, einen zu bauen? Wahrscheinlich nicht.). Die Kälte brannte auf ihren Wangen und drang ihr tief in die Knochen, als sie verdrossen hinter Miss Lovelock hertrottete.

Sie hatten ihren gewohnten Weg eingeschlagen, die westliche Auffahrt entlang und um den kleinen See herum, auf dessen Oberfläche noch die abgestorbenen Blätter vom letzten Herbst wie ein aufgeweichter rostroter Teppich trieben. Einst waren die weitläufigen Gärten von Blackwood Park das Juwel des Landsitzes gewesen, doch seit sich lediglich der alte Patterson und ein Gartenhelfer um sie kümmerten, war alles überwuchert und verkommen. Alice’ täglicher Marsch (ein Muss, da Miss Lovelock felsenfest davon überzeugt war, dass der Mensch viel frische Luft brauchte) führte sie auch an den Weiden mit den Schafen vorbei, die feindselig zu ihr herüberstarrten. Schon jetzt, nach elf Tagen, hatte die Vertrautheit des täglichen Spaziergangs eher etwas Bedrückendes als Tröstliches.

Elf Tage.Erst?

Beim Gedanken an die endlosen Tage, die bis zu Mamas Rückkehr noch vor ihr lagen, verkrampfte sich ihr Magen. Sie blieb stehen, blickte auf die weißen Atemwölkchen vor ihrem Mund und die hohen, schlanken Pflanzen am Ufer. Rohrkolben, hatte Miss Lovelock gesagt. Alice kannte sie zwar aus der Bibelgeschichte von Moses, hatte sie aber nie gesehen, bevor sie nach Blackwood gekommen war – jedenfalls standen keine am Ufer des Serpentine, des Bootsteichs im Hyde Park oder irgendwo sonst, wo sie mit Mama ihre Winterspaziergänge unternahm (gefolgt von Tee im Maison Lyons oder im Gunter’s Tea Shop oder – wenn sie nass und durchgefroren waren – leckeren Hefefladen, die sie zu Hause über dem Kaminfeuer rösteten). Sie betrachtete die Schilfpflanzen eingehend, konzentrierte sich ganz fest auf ihre samtige Oberfläche und kompakte Form, weil es sie von dem mulmig-flauen Gefühl im Magen ablenkte. Am liebsten hätte sie einen der Stängel abgebrochen und mit ins Haus genommen, um ihn mit den hübschen Stiften zu zeichnen, die Mama ihr zu Weihnachten geschenkt hatte (zwölf verschiedene Farben, wie ein Regenbogen in einer Kassette angeordnet), aber wahrscheinlich würde man ihr auch das nicht erlauben. Großmama hatte ihr gleich nach ihrer Ankunft die Stifte abgenommen, um sie »sicher zu verwahren«. Zeichnen war etwas, wozu einen in Blackwood Park niemand ermutigte.

»Alice. Los, Kind. Marsch, marsch!«, rief Miss Lovelock, die dank ihres entschlossenen Schritts bereits ein gutes Stück Vorsprung hatte, ungeduldig. (Bei ihrem »Marsch, marsch!« handelte es sich keineswegs um leere Worte, es war ein ernst gemeinter Befehl. Marschieren gehörte zu ihren Lieblingsbeschäftigungen.) Alles an Miss Lovelock war nüchtern und pragmatisch, von ihren festen Schnürschuhen und den maskulin anmutenden Krawatten, die sie zu ihren Blusen trug, bis hin zu ihrer Liebe für Arithmetik und lateinische Verben, überhaupt für Aufgabenstellun