Vorwort
Alles auf Anfang
Denn du bist Erde und sollst Erde werden.
1. Buch Mose 3,19
Waldboden ist ein cooles Zeug. Zu dieser tiefsinnigen Einsicht kam ich mit vier Jahren. Wir wohnten damals in Sichtweite des Voglers, eines jener kleinen, mit Bäumen übersäten Mittelgebirge, die hinter Hannover verstreut liegen und in denen die Zeit langsamer zu vergehen scheint. Für mich und natürlich alle anderen Kinder unserer Straße war es selbstverständlich, uns unter den Bäumen herumzutreiben, die Rotbuchen und Traubeneichen dort als Spielgefährten zu sehen und sie in alle unsere Fantasien einzubeziehen.
Und unsere Fantasie hatte uns im Waldboden einen Schatz entdecken lassen. Mit Sabine, der Nachbarstochter, war ich förmlich über ihn gestolpert. Die Ecke, die da unter dem Laub hervorlugte, gehörte bestimmt zu einer Truhe. Vielleicht von Räubern vergraben, die hier in früheren Zeiten ihr Unwesen getrieben hatten. Bestimmt. In Wirklichkeit handelte es sich natürlich nicht um eine Truhe. Sondern es war ein großer Brocken Buntsandstein, den die Erosion aus dem Untergrund gekratzt hatte. Aber egal. Den mussten wir einfach heben. Schließlich war es ein Schatz. Wir begannen zu wühlen. Erst die Blätter, dann eine krümelige Schicht verrottendes Irgendwas, dann ein Streifen Schwarzes, und schließlich befreiten wir den Stein aus dem lehmig rotbraunen Erdreich. Vielleicht bilde ich es mir ein, aber, wenn ich daran denke, kommt mir immer noch dieser leicht pilzige Geruch in die Nase. Ich sehe das Schwarze unter unseren Fingern und den Unterschied in Lagerung und Textur der verschiedenen Schichten.
Nach der mühsamen Freilegung stellten wir fest, dass der Stein wohl doch eine Nummer zu groß fürs Heimbringen war, und so stiefelten wir ohne ihn die paar Meter nach Hause. Allerdings brachten wir nach Aussagen unserer Mütter den halben Waldboden mit und waren über und über beschmiert mit Fragmenten diverser Bodenschichten. Die Kleider kamen in die Wäsche, und wir wurden in die Wanne gesteckt. Was aus dem Schatz wurde? Der liegt vermutlich immer noch da …
Kinder haben ein offeneres Gespür für den Boden. Wo viele Erwachsene Dreck, Schmutz, Keime, Pilze, Spinnen und nie wieder herauswaschbare Flecken lauern sehen, eröffnet sich den Kleinen ein Universum.
Kinder lieben den Boden. Nicht nur, dass sie naturgemäß viel näher dran sind, sondern sie erfassen seine Eigenschaften unvoreingenommen. Frische Erde riecht angenehm, sie lässt sich formen, fühlt sich gut an. Man kann sie auftürmen und Löcher in sie graben. Wenn sie feucht ist, gibt es fast nichts Schöneres, als sie zwischen den Zehen durchquatschen zu lassen. Und schließlich finden sich haufenweise spannende Bewohner im Untergrund: Asseln, Spinnen, Regenwürmer … – mysteriöse Geschöpfe aus einer verborgenen Welt.
Dieses Buch soll seinen Lesern wieder ein Stück Begeisterung für den Boden zurückgeben. Es soll die Schippe sein, mit der Sie und Sie und Sie sich ins Mysterium und in die Bedeutung des Bodens für das Leben auf dem Planeten hineinbuddeln können. Sie glauben, die Tiefsee wäre unerforscht? Die Rückseite des Mondes ein weißer Fleck? Der Kleiderschrank Ihrer Frau/Ihres Mannes eine unerforschte Welt? Dann schauen Sie einmal nach unten. Wenige Zentimeter von Ihrer Schuhsohle entfernt