Lélinaz, Frankreich, April 1944
Noch lag ein zarter Schleier über der von Morgendunst verhüllten Landschaft der Bugey. Während in den Flussauen der jungen Rhône der Nebel dicht und zäh alles unter sich verbarg, begann sich ein Stück weiter oben, in den Kalkfelsen des über zweitausend Meter hohen Gebirgszugs der Chartreuse, der Vorhang bereits zu lüften. Dort, wo sich die Sonne bereits über die Hügel erhob, vermochten ihre wärmenden Strahlen die Feuchtigkeit der Nacht aufzulösen. Schon bald war alles in friedliches Morgenlicht gehüllt. Der Ruf der Hähne mischte sich mit vereinzeltem Hundegebell und dem Brüllen der Kühe, die gemolken werden wollten. Vogelgezwitscher erfüllte die Frühlingsluft, in den Dörfern Brégnier-Cordon und Izieu sowie den Höfen und Weilern rundherum begannen die Menschen, ihren täglichen Pflichten nachzugehen. Aus dem Kinderheim des Weilers Lélinaz hörte man den hellen Klang von Kinderstimmen.
»Mina, Claudine! Beeilt euch! Was seid ihr nur für Schlafmützen. Gleich gibt’s Frühstück.«
Léa Feldblum sah, wie sich unter den Bettdecken des Stockbettes im hinteren Teil des Schlafsaals etwas zu regen begann. Wenig später schaute der verstrubbelte Kopf der achtjährigen Mina Halaunbrenner aus dem oberen der beiden Betten.
»Aber heute sind doch Ferien«, protestierte die Kleine reichlich verschlafen. »Ich will noch nicht aufstehen!«
»Die Sonne scheint und wartet nur darauf, dass ihr sie begrüßt!«
Léa Feldblum begleitete ihre Worte mit einem gutmütigen Lachen. Gleichzeitig zog sie mit einem kräftigen Ruck an der Bettdecke, sodass Mina gar nichts anderes übrig blieb, als endlich aufzustehen. Ihre fünfjährige Schwester saß bereits in ihrem Nachthemd auf der Bettkannte und rieb sich verschlafen die Augen. Die anderen Mitbewohnerinnen des Schlafsaals waren längst angezogen und befanden sich draußen an dem steinernen Brunnen bei der Morgentoilette. Aus dem geöffneten Fenster hörte man ihr Kichern und munteres Plaudern. Léa nahm sich die Zeit und setzte sich neben Claudine auf den Bettrand. Deren nackte Füßchen baumelten einen Fingerbreit über dem Boden, während sie teilnahmslos einen unbestimmten Punkt im Raum fixierte. An den verquollenen Augen erkannte Léa, dass die Kleine auch in dieser Nacht wieder geweint hatte.
»Komm, ich helfe dir beim Anziehen«, schlug die Betreuerin vor und reichte Claudine einen der Wollstrümpfe, die sorgfältig, wie die anderen Kleidungsstücke auch, über dem Gitterende des Feldbettes hingen. Die beiden Mädchen hatten erst wenige Tage zuvor erfahren, dass ihr Vater und ihr ältester Bruder in einem deutschen Konzentrationslager ums Leben gekommen waren. Seitdem war ihr Heimweh nach der Mutter, der Schwester Monique und ihrem Bruder Alexandre noch unerträglicher geworden. Während Mina sich äußerlich nichts anmerken ließ, weinte Claudine viel und zog sich immer mehr in sich zurück. Léa, die sich gemeinsam mit ihrer Kollegin Marguérite um die kleineren der jüdischen Kinder in dem Waisenhaus kümmerte, versuchte, sie abzulenken. »Möchtest du nach dem Frühstück vielleicht die Ferkel sehen? Monsieur Perticoz meinte, dass ihr sie heute besuchen dürft. Julien und Marguérite werden euch begleiten.«
Die Aussicht auf einen Besuch im Stall des Nachbarbauern gemeinsam mit Marguérite hob Claudines Stimmung. Ihre verweinten Augen leuchteten sogar ein wenig, als sie endlich damit begann, sich anzuziehen. Sie liebte die Betreuerin, die immer gut gelaunt war, so viele lustige Geschichten und Lieder kannte und außerdem ihre Muttersprache sprach. Mit ihr konnten s