: Marc Roger
: Die Bücher des Monsieur Picquier Roman
: Heyne Verlag
: 9783641252120
: 1
: CHF 2.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine bezaubernde Hommage an die Literatur und die Freundschaft

„Der alte Buchhändler“ – so nennen ihn die Pfleger hinter vorgehaltener Hand. Denn Monsieur Picquiers winziges Zimmer im Seniorenheim ist vollgestopft mit Tausenden von Büchern. Sie sind seine Schätze, sein wertvollster Besitz. Doch Parkinson und Grüner Star machen es ihm unmöglich, darin zu lesen. Da bietet sich eines Tages der Hilfskoch Grégoire als sein Vorleser an. Ihm ist alles recht, um für eine Zeitlang dem harten Dienst in der Küche zu entgehen. Was als Zweckgemeinschaft beginnt, wächst rasch zu einer engen Freundschaft, die Picquier aus seiner Einsamkeit erlöst und Grégoire den Mut gibt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Marc Roger tritt als Vorleser auf und organisiert Lesungen in Buchhandlungen und Bibliotheken in ganz Frankreich. 2014 erhielt er den Coup de Cœur des Grand Prix Livres Hebdo für seine herausragende Rolle als Literaturvermittler. »Die Bücher des Monsieur Picquier« ist sein erster Roman.

2

Ich bin gerade achtzehn geworden. Nach Collège und Lycée ging es für mich sofort ans Arbeiten. Ich hab die Kurve nicht gekriegt. Eigentlich ist es ganz einfach: Laut Statistik bestehen achtzig Prozent das Abitur. Aber ich bin unbemerkt auf die Seite der zwanzig Prozent gerutscht. Ich weiß nicht mal, ob ich in diesen Statistiken überhaupt auftauche. Die Lehrer haben mich jedenfalls nie wahrgenommen. Egal, welches Fach gerade dran war, Grégoire Gélin war abwesend anwesend. Wie einer, der durch Wände gehen kann.

Schon in der achten, als das mit der Berufsvorbereitung losging, habe ich Panik geschoben. All diese Berufe, für die man diesen oder jenen Studiengang braucht … keine Ahnung, aber für mich war das, als würde mir eine Tür nach der anderen vor der Nase zugeschlagen. Ich habe mit meiner Mutter darüber gesprochen:

»Diese Berufsberater haben keine Ahnung. Ich habe gesagt, ich würde Bäume mögen, und da hat er vorgeschlagen, ich sollte Forstwirtschaft studieren. Dafür braucht man aber ein naturwissenschaftliches Profil, und Mathe kapiere ich nicht. Was soll ich denn machen?«

Meine Mutter meinte darauf ganz pragmatisch:

»Geh arbeiten, so wie ich in deinem Alter!«

Die Stadtverwaltung suchte Aushilfen, aber das Grünflächenamt war eine Pleite. Mir hätte es dort gefallen können, ehrlich, draußen sein ist mein Ding, aber mein Job bestand aus Rasenmähen und Laubblasen, den ganzen Tag, und am Ende habe ich noch Hundekacke und kaputte Flaschen eingesammelt. Ich hatte schnell die Nase voll. Meine Mutter kennt Monsieur Théron, den Beigeordneten für Soziales, er hat dann seine Beziehungen spielen lassen, seinen direkten Draht zur Leitung vonLes Bleuets. In meinem Arbeitsvertrag heiße ich »Hilfskraft für Krankenhausdienste«. Fünfunddreißig Stunden die Woche. Madame Masson, die Leiterin des Pflegeheims, hat mein Gehalt selbst festgelegt. Ein klein bisschen weniger als der Mindestlohn, um meinen Status als Ungelernter zu unterstreichen. Ich habe ohnehin keine Wahl. Meine Mutter meinte zu mir:

»Endlich habe ich mal ein bisschen Luft!«

Mit meinem Lohn beteilige ich mich an den Haushaltskosten. Das ist die offizielle Seite. Ich selbst nenne michAPDAM – ahnungsloser Praktikant, der alles macht. Der alte Buchhändler sagt dazu »Faktotum«. Inzwischen kann ich darüber lachen.

In der Küche bin ich an einem 1. Februar gelandet. Die brauchten unbedingt jemanden, also bin ich hin. Draußen war es kalt, so um die drei, vier Grad, mehr nicht. Drinnen das absolute Dampfbad, siebenundzwanzig Grad, das heißt, kurz vor Mittag, als Jean-Mi, der Küchenchef, das Tagesgericht fertig hatte, waren es sicher dreißig. Einen Monat arbeite ich jetzt da und habe in dieser Zeit vor allem gelernt, dass man in Küchen bestimmt keine ruhige Kugel schiebt.

Sechzig Gerichte, mittags und abends. Vierzig im Speisesaal, zwanzig auf den Zimmern. Es gibt zwei Küchenhilfen, Marie-Odile und Chantal, denen ich, so gut es geht, zuarbeite, indem ich schweißgebadet zwischen Vorratsraum und