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Kim saß im Café Marienhöhe oben auf einer der höchsten Dünen der Insel und blinzelte übers gleißende Meer, als sie die Stimme zum ersten Mal hörte. Sie bereitete ihr ein Wohlbehagen, das sie beinahe lähmte. In Resonanz auf den Klang – kultiviert, humorvoll – durchrieselte es sie wieder und wieder. Der Mann plauderte auf Englisch. Gelegentlich lag ein Zögern im Redefluss, als wöge der Sprechende ab oder überlegte noch, weil er auf keinen Fall etwas Falsches von sich geben wollte.
Kim schaute sich nicht sofort um. Sie genoss die Schauer, die ihr an den Oberarmen entlang und über den Rücken liefen – eine Welle prickelte noch unter den Haarwurzeln, da rollte schon die nächste bis in die Zehenspitzen. Sogar ihren Durst vergaß sie für eine Weile. Als sie schließlich doch nach dem Glas griff, um ein Schlückchen von ihrer Rhabarberschorle zu trinken, bewegte sie sich nur minimal. Bloß nicht das schöne Gefühl verscheuchen! Den Blick hielt sie weiter auf die Nordsee gerichtet. Kurz nahm ihr ein Pärchen, das über die umlaufende Terrasse des Pavillons schlenderte, die Sicht. Durch dessen Schatten spiegelte sich ihr ovales Gesicht in der Fensterscheibe, und sie sah, dass der Wind sie schon arg zerzaust hatte. Sie hatte das schulterlange dunkelblonde Haar zu einem lockeren Knoten hochgesteckt, doch jetzt hingen so viele Strähnen heraus, dass es nicht mehr lässig, sondern nur verwildert wirkte. Ach, egal! Sie blieb zurückgelehnt in den bequemen Kissen sitzen und genoss die unerwarteten Empfindungen.
Draußen auf den Wellen tanzten kleine Schaumkronen. Das Licht über dem Meer war einfach unglaublich. Was für ein Strahlen, überhaupt: Was für ein Tag! Warm, geradezu heiß. Sie hatte wirklich Glück gehabt. Normalerweise sorgte die Schafskälte um diese Zeit des Jahres für ungemütliches Wetter.
Dezente Barmusik lief im Hintergrund, Geschirr klapperte. Eine Fliege krabbelte kitzelnd über Kims nackte Wade. Unter halb gesenkten Lidern folgte ihr Blick den Schiffen am Horizont – Segelbooten, Containerriesen, Krabbenkuttern, Yachten. Jetzt lachten der Mann und seine Gesprächspartner, unter ihnen eine Frau.
Aus Kims Brustkorb löste sich ein Seufzer der Erleichterung. Darauf war sie nicht gefasst gewesen, als sie spontan beschlossen hatte, nach Norderney zu fahren, um das Internationale Filmfest zu besuchen. Seit Wochen schon fühlte sie sich nur gehetzt, ständig unter Druck. Gut, dass sie sich doch noch von Toska hatte überreden lassen.
Das Festival fand alljährlich um Pfingsten herum auf Norderney und in der nahen Hafenstadt Emden statt. Kim war gespannt auf die Uraufführungen neuer Filme und auf die Preisverleihungen, vor allem aber wollte, ja musste sie endlich Kontakte pflegen. Deshalb war sie hier. Sie wollte ein bisschen Konkurrenzbeobachtung betreiben, Kollegen treffen, mit Leuten von Produktionsfirmen und der Filmförderung reden …
Noch blieb etwas freie Zeit, es ging erst am Abend richtig los. Eigentlich hatte sie vorgehabt, im Café endlich das Festivalprogramm gründlicher zu studieren, doch stattdessen gab sie sich weiter dem Timbre der fremden Stimme hin, ließ ihren Blick wandern und die Gedanken fließen.
Das Café Marienhöhe, das bei genauer Betrachtung achteckig und nicht rund war, schien erst vor Kurzem renoviert worden zu sein. Edel, reduziert, in Grautönen gehalten. Ein gepflegtes Publikum verkehrte hier. Frauen mit auffallend gutem Haarschnitt, Männer mit Lederschuhen statt Sneakers, viele Best Ager. Dieses Lokal, das hatte Kim auf der Speisekarte gelesen, war nach der hannoverschen Königin Marie benannt worden. Die glühende Verehrerin Heinrich Heines hatte Mitte des 19. Jahrhunderts an dieser St