Zweites Kapitel
Zum Zeitpunkt von Tilda Sommers Tod war Arthur achtunddreißig Jahre alt und hatte schon viele Reisen gemacht. Mit einer Karawane war er von Kairo über Assuan nach Khartoum gezogen und von dort zu den Quellgebieten des Nils. Er war auf einem Dromedar geritten, und als seine Karawane in einen Sandsturm geriet und sich verirrte, hatte er das Dromedar geschlachtet und einen Höcker aufgeschnitten, um das Wasser, das darin gespeichert war, zu trinken. Zumindest lautete so eine Variante der Geschichte. In einer anderen war das Dromedar von einem Krokodil im Nildelta angefallen worden. In einer wieder anderen Geschichte hatte er selbst ein solches Krokodil auf einer Jagdreise durch Uganda erschossen. Es blieb nicht seine einzige Beute, er hatte obendrein zwei Flusspferde erlegt, die zwar deutlich harmloser ausgesehen hatten, aber gleichwohl gefährliche Tiere waren.
Am allergefährlichsten war jedoch seine Reise durch Abessinien gewesen, einem gänzlich unerschlossenen Land, in dem es keine Straßen gab, nur schmale Pfade für die Elefanten. Um auf einem Elefanten zu reiten, musste man ihn natürlich erst einmal ersteigen, ohne von seinen Stoßzähnen aufgespießt zu werden. Diese Stoßzähne waren mindestens so spitz wie der Dolch, mit dem Arthur den Höcker des Dromedars aufgeschnitten hatte. Oder wie der Zahn eines Dinosauriers, der im kürzlich eröffneten Senckenberg-Museum in Frankfurt zu sehen war.
Nun gut, das Senckenberg-Museum hatte Arthur Sommer wirklich besucht, die Reisen nach Ägypten und Uganda und Abessinien hatte er nur im Kopf unternommen. Leider. Er wollte so gern reisen, aber sein Vater hatte eine andere Vorstellung davon gehabt, wie man eine Reiseagentur am besten leitete, und ihm lediglich beigebracht, mit welcher Art von Reisen sich das meiste Geld verdienen ließ.
Die Reiseagentur Sommer trug erst seit der Jahrhundertwende diesen Namen. Ursprünglich war sie ein Gasthof Sommer gewesen, in dem Auswanderer nächtigten, wenn sie vom Süden Deutschlands zu den Häfen im Norden reisten. Später war aus dem Gasthof eine Auswanderungsagentur geworden, die den Gästen nicht nur ein Bett, das sie sich mit drei Mitschläfern teilen mussten, und ein wenig Proviant, bestehend aus einem Hartkäse, der selbst die lange Fahrt nach Amerika mühelos überstand, anbot, sondern ebenso die Tickets für die Fahrt nach Übersee. Damit hatte Arthurs Großvater irgendwann so viel Geld verdient, dass er die breiten Betten aus den Räumen hatte schaffen und lange genug hatte lüften lassen, bis der Geruch nach Käse, auch nach verschwitzter Kleidung und vor allem Armut, verzogen war. Er hatte ein Bureau eingerichtet, das keinem andren Zweck mehr diente, als Fahrkarten zu verkaufen. Und als es Mode geworden war, dass nicht nur verschwitzte Leute vor der Armut in eine bessere Zukunft fliehen wollten, sondern auch nobel gekleidete Menschen ferne Länder bereisen, war aus der Auswanderungsagentur eine Reiseagentur geworden. »Und zwar die älteste Reiseagentur«, pflegte Arthur Sommer senior stolz zu sagen.
Er verschwieg, dass es, wenn überhaupt, nur die älteste in Frankfurt war. Rominger in Stuttgart gab es schon viel länger, und lange vor diesem hatte in Berlin bereits Carl Stangen Gesellschaftsreisen angeboten.
Mittlerweile zog es jedenfalls viele Menschen in die Ferne, und mittlerweile war die Arbeit der Agentur nicht mehr nur auf das Ausstellen von Fahrscheinen beschränkt. Das nahm zwar viel Zeit in Anspruch, waren doch lediglich für die gängigen Strecken die Tickets vorgedruckt, alle anderen hatte man handschriftlich auszufüllen. Aber es gab noch vieles andere zu erledigen – mithilfe von Hotel-Coupons Übernachtungen zu verkaufen, persönliche Reiseführer zu verfassen oder Listen mit Trinkgeldern, die man in anderen Ländern vergab, zu erstellen.
Während Arthur über dieser Arbeit saß, unternahm er im Kopf