: Hao Jingfang
: Jing Bartz
: Quantenträume Erzählungen aus China über Künstliche Intelligenz
: Heyne Verlag
: 9783641217112
: 1
: CHF 2.70
:
: Science Fiction
: German
: 512
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine Sprachwissenschaftlerin wird mitten in der Nacht angerufen. Die neueste Entwicklung auf dem Spielzeugmarkt, ein Plüsch-Seehund mit KI, hat offenbar eine eigene, für Menschen unverständliche Sprache entwickelt … Ein König liebt nichts so sehr, wie neuen Geschichten zu lauschen. Doch irgendwann hat er alles gehört, was es zu erzählen gibt – und so lässt er kurzerhand einen Geschichtenroboter bauen … Das Spektrum an Ideen, die fünfzehn der berühmtesten chinesischen Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren in diesem Sammelband ausbreiten, zeigt auf beeindruckende Weise, wie einfallsreich und innovativ man sich in China mit dem Thema Künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

Qiuf n Chen stammt aus Shantou in der chinesischen Provinz Guangdong. Er hat bereits über dreißig Kurzgeschichten auf Chinesisch und auf Englisch veröffentlicht. Sein Debütroman »Die Siliziuminsel« erschien 2013 auf Chinesisch und wurde von Ken Liu, dem Übersetzer Cixin Lius, ins Englische übertragen. Qiufan Chen wurde mit dem Taiwan Dragon Fantasy Award, dem Galaxy Award sowie dem chinesischen Nebula Award ausgezeichnet. Er lebt in Beijing.

Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Ludwig Wittgenstein

Lass uns reden

Nur wenige Umstände erfordern es, eine Linguistin mitten in der Nacht aus dem Bett zu holen.

Als mein Telefon klingelte, war es kurz nach drei Uhr in der Nacht. Ich müsse sofort kommen, verlangte eine trübselige Stimme. Mein erster Gedanke war:Oje, jetzt sind die Aliens wirklich da.

In einem düsteren kleinen Raum traf ich auf einige seltsame Gestalten, mit denen ich mir ein nicht minder seltsames Video ansah: Eine Schar weißer Robbenbabys drängte sich schreiend aneinander. Es wirkte wie eine Mischung aus Zoo, Autowerkstatt und Kindergarten.

»Scheiße, was … istdas denn?«, kam mir jemand mit seiner Frage zuvor.

Darauf bekamen wir eine absonderliche Erklärung zu hören: Diese Heuler waren von einem Forschungslabor entwickelteKI-Spielzeuge, die ähnlich einem Neugeborenen eine menschliche Sprache von null auf imitieren und erlernen konnten. Dem Produkthandbuch zufolge konnten sie auf diese Weise in etwa das sprachliche Niveau eines Fünfjährigen erreichen.

Die Labormitarbeiter hatten hundert Prototypen in einen Container gepackt, um sie zu Testzwecken ins Ausland zu verschiffen, doch irgendjemand hatte geschlampt und den Container falsch etikettiert. Als man ihn endlich mit viel Mühe wiedergefunden und geöffnet hatte, lagen die Robbenbabys nicht etwa still und friedlich da – ausgeschaltet, wie sie hätten sein sollen –, sondern sie krakeelten fröhlich durcheinander.

»Anscheinend benutzen sie irgendeine fremde Sprache, die wir nicht verstehen, um sich miteinander zu unterhalten«, drang eine ungläubige Stimme durch die Dunkelheit.

»Genau diese Frage müssen wir klären«, bestätigte der Mann in schwarzem Anzug, der die nächtliche Besprechung leitete, und nickte uns mit gewichtiger Miene zu. »Kann das wirklich sein? Und wer hat ihnen diese Sprache beigebracht? Sie dürfen nicht vergessen, dass der Container die ganze Zeit verschlossen war.«

»Sealed seals«, murmelte ich verstohlen. Zum Glück hörte niemand meinen Kalauer.

»Da fällt mir ein ähnlicher Fall ein«, sagte die Stimme aus dem Dunkeln. »Idioma de Señas de Nicaragua, kurz:ISN, die Nicaraguanische Gebärdensprache. Das ist eine Sprache, die eine Gruppe von gehörlosen Kindern in den Siebziger- und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts im Westen Nicaraguas entwickelt hat.«

»Erzählen Sie mehr darüber.« Der Mann in Schwarz war daran augenscheinlich sehr interessiert.

»Nun ja, ursprünglich gab es in Nicaragua keine Gehörlosengemeinschaft und entsprechend auch keine Sprache, die unter ihnen verbreitet gewesen wäre