1. Kapitel
Eine Reise birgt stets die Gefahr, nicht zurückzukommen. Oder auch die Chance, je nachdem, wo man im Leben steht.
BERNADETTE VON PLESOW
Der Zug der Deutschen Reichsbahn von Berlin nach Greifswald ruckelte in gleichmäßigem Tempo die Gleise entlang und brachte Bernadette Meter für Meter ihrem Zuhause ein wenig näher. Sie genoss es, die grüne Mai-Landschaft an sich vorüberziehen zu lassen und noch etwas Zeit für sich zu haben, bevor sie in das enge Korsett ihrer Verantwortung zurückkehren musste. Versonnen spielte sie mit der goldenen Uhr an ihrem Handgelenk, die sie über dem Ärmel ihrer schmal geschnittenen Jacke trug. Um das Zifferblatt war sie mit kleinen funkelnden Brillanten besetzt, das Armband aus feinen Gliedern gefasst. Das Schmuckstück musste sündhaft teuer gewesen sein. Kein Geschenk, das ein Sohn üblicherweise für seine Mutter kaufte. Doch Constantin war eben nicht wie andere Söhne. Er war über die Maßen großzügig, liebte es, teure Geschenke zu machen, und verstand es spielend, die Menschen für sich zu gewinnen. Er hatte eine ganz besondere charmante Art, und die Menschen fühlten sich in seiner Gegenwart wohl. Constantin war freigebig und zuvorkommend. Nie zögerte er, wenn es darum ging, die Wünsche seiner Gäste wahr werden zu lassen. Es war ihm in Fleisch und Blut übergegangen, sich überaus spendabel zu zeigen, und er verstand es, seinem Gesprächspartner ein gutes Gefühl zu vermitteln, ganz gleich, mit welcher Art von Anliegen sich dieser an ihn wandte.
Sowohl das Hotel als auch das angeschlossene Varieté Astor liefen hervorragend und waren nicht nur jetzt, im Frühjahr 1924, komplett ausgebucht. Doch Bernadette machte sich nichts vor. Der Reichtum, mit dem Constantin sich umgab, konnte unmöglich aus diesen Gewinnen allein stammen. Das eine oder andere Mal hatte sie Gerüchte vernommen, Andeutungen nur, doch sie genügten ihr, um sich ein Bild zu machen. Aber nie wäre sie so dumm gewesen, Constantin mit ihren Vermutungen oder besser: ihrem Wissen zu konfrontieren. Was auch immer ihr Sohn tat, um seine Geschäfte zu betreiben, es ging sie nichts an, auch wenn sie Anteile am Astor besaß. Ganz abgesehen davon, dass sie mit ihrem eigenen Hotel in Binz durchaus von ihm profitierte.
Bernadette löste ihren Blick von der Uhr und sah wieder aus dem Fenster. Rasch zogen die Bäume entlang der Bahnstrecke an ihr vorbei. Sie konnte die Menschen schon verstehen, die die modernen Fortbewegungsmittel mit Skepsis betrachteten. Es war nicht von der Hand zu weisen, dass Züge wie Straßenbahnen in einer Geschwindigkeit fuhren, für die der Mensch nicht gemacht sein konnte. Dennoch genoss Bernadette die Fahrt, wenngleich ihr beim Blick aus dem Fenster und auf die an ihr vorbeirauschende Landschaft ein wenig mulmig wurde. Sie atmete tief durch, um die aufsteigende Übelkeit zu vertreiben, griff dann in ihre Handtasche und zog den Brief hervor, den sie seit nunmehr dreizehn Jahren immer bei sich trug. Was zum einen sentimentale Gründe hatte, denn er war das Letzte, was ihr von ihrem verstorbenen Ehemann noch geblieben war. Aber das war es nicht allein. Der andere Grund war, dass auf keinen Fall jemand anders als sie diesen Brief lesen durfte. Niemals!
Mit einem kleinen Seufzer nahm sie den schon leicht vergilbten Umschlag, dessen Papier im Laufe der Jahre noch trockener, fast schon porös geworden war, zog die beschriebenen Seiten heraus und begann zu lesen, auch wenn sie die Zeilen inzwischen auswendig kannte:
Meine geliebte Bernadette!
Es ist an der Zeit, dir meine Gefühle zu beschreiben, und zwar von dem Moment an, als du in mein Leben getreten bist. Als ich dich das erste Mal sah, damals, in dem Tanzlokal mit den kleinen Leuchten an den holzverkleideten Wänden, verschlug es mir fast den Atem. Mir schien es, als seist