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10. Oktober, 18:39 MDT
Bitterroot Mountains, Montana
Der ganze Ärger wegen eines einzigen verfluchten Nagels …
Tucker Wayne warf den kaputten Reifen in den Kofferraum seines Mietwagens. Der Jeep vom Typ Grand Cherokee stand auf dem Seitenstreifen einer wenig befahrenen Straße in den bewaldeten Bergen des Südwestens Montanas. Diese Millionen Hektar Land der Kiefern, von Gletscherströmen ausgewaschenen Canyons und schroffen Berggipfel stellten, abgesehen von Alaska, die größte zusammenhängende Wildnis der Vereinigten Staaten dar.
Er streckte sich und musterte die gewundene Straße, an beiden Seiten gesäumt von wogenden Hügeln und dichtem Kiefernwald.
Typisch. Mitten im Nirgendwo fahre ich auf einen Nagel und fange mir einen Platten …
Die Vorstellung fiel schwer, dass dieser bullige SUV von einem Eisenteil lahmgelegt worden war, das nicht mal so lang war wie sein kleiner Finger. Das machte einem bewusst, wie anfällig die moderne Technik war.
Er rammte die Ladeklappe zu und stieß einen durchdringenden Pfiff aus. Sein Reisegefährte zog die lange, behaarte Nase aus einem Heidelbeerbusch zurück und blickte sich zu Tucker um. Die Enttäuschung darüber, dass die Pause schon zu Ende war, zeichnete sich in seinen dunkelbraunen Augen ab.
»Tut mir leid, Kumpel. Aber bis nach Yellowstone ist es noch ein weiter Weg.«
Kane schüttelte sein dichtes schwarz-braunes Fell, fand sich mit den Gegebenheiten ab und lief schwanzwedelnd zu seinem Herrn zurück. Seit seiner Zeit bei den Army Rangers und mehreren Einsätzen in Afghanistan waren sie Partner. Als seine Dienstzeit abgelaufen war, hatte er Kane mitgenommen – und zwar ohne spezielle Erlaubnis der Army. Diese Angelegenheit war jedoch inzwischen geklärt.
Jetzt waren sie ein unzertrennliches Team und suchten nach neuen Straßen und Wegen. Gemeinsam.
Tucker öffnete die Beifahrertür, und der siebzig Pfund schwere, aber schlanke Kane sprang auf den Sitz. Er war ein Belgischer Schäferhund, eine kompakte Rasse, beliebt bei Militär und Ordnungskräften wegen ihrer Treue und Intelligenz, aber auch wegen ihrer Behändigkeit und Zähigkeit im Kampfeinsatz.
An Kane aber reichte kein anderer Belgischer Schäferhund heran.
Tucker schloss die Tür und streichelte seinen Partner durchs offene Fenster hindurch. Dabei ertastete er eine alte Narbe, die Tucker an seine eigenen Verletzungen erinnerte; einige sah man, andere waren gut versteckt.
»Weiter geht’s«, murmelte er, bevor die Gespenster der Vergangenheit ihn einholten.
Er setzte sich hinters Steuer, und die Fahrt durch den Bitterroot-Nationalpark ging weiter. Kane streckte den Kopf aus dem Beifahrerfenster, ließ die Zunge heraushängen und schnupperte die Gerüche der Umgebung. Tucker grinste; wie immer, wenn sie unterwegs waren, ließ seine Anspannung allmählich nach.
Im Moment war er ohne Beschäftigung – und hatte vor, es einstweilen dabei zu belassen. Er übernahm nur dann einen Auftrag, wenn seine Finanzen es erforderlich machten. Nach seinem letzten Job – als die Sigma Force ihn angeheuert hatte, ein geheimer Ableger der militärischen Forschung