: Nate Blakeslee
: Die Wölfin Die wahre Geschichte des berühmtesten Raubtiers von Yellowstone
: Karl Blessing Verlag
: 9783641164539
: 1
: CHF 17.90
:
: Natur und Gesellschaft: Allgemeines, Nachschlagewerke
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
»Blakeslee erzählt nicht nur die faszinierende Geschichte der berühmtesten Wölfin von Yellowstone, sondern gibt auch einen Einblick in den kulturellen und politischen Konflikt zwischen Umweltschützern und Wolfsgegnern in Amerika. Ein Muss für jeden Wolfsfreund.« Elli H. Radinger, Autorin des Bestsellers »Die Weisheit der Wölfe«

Der Yellowstone-Nationalpark ist ein Paradies für Wölfe – und das Mekka all jener, die sie beobachten und verstehen wollen. Hier lassen sich die Raubtiere so gut studieren wie nirgends sonst auf der Welt. Nate Blakeslee porträtiert in seinem packenden Buch eine außergewöhnliche Fähe, die sich dank ihrer Schlauheit und Ausdauer, ihres Durchsetzungsvermögens und entbehrungsreichen Kämpfens für ihre Nachkommen zur Leitwölfin des Lamar-Valley-Rudels entwickelte – „O-Six“, benannt nach ihrem Geburtsjahr 2006. Tragischerweise schützte ihr legendärer Ruf O-Six nicht davor, von einem Jäger knapp außerhalb des Schutzgebiets erlegt zu werden.

Eine minutiös recherchierte Betrachtung nicht nur des sagenhaften Wesens Wolf, sondern auch unserer Zerrissenheit angesichts dieses Tiers, das wie kaum ein anderes unsere Obsession mit und Urängste vor der Wildheit der Natur hervorbringt.

Nate Blakeslee studierte Amerikanistik an der University of Texas, bevor er sich einen Namen als investigativer Journalist machte. Sein erstes Buch (»Tulia«, über Rassismus und Korruption in einer texanischen Kleinstadt) und diverse Reportagen (etwa über einen Missbrauchsskandal in einem Jugendgefängnis) brachten ihm zahlreiche Preise ein, sorgten für landesweite Schlagzeilen, Gerichtsverfahren und Rücktritte. »Die Wölfin« ist sein zweites Buch. Blakeslee lebt mit seiner Familie in Austin, Texas.

Prolog

6. Dezember 2012

Der Jäger ließ seinen Pick-up am Ende der Schotterstraße stehen und stapfte durch den frisch gefallenen Dezemberschnee. Er war ein breitschultriger, scharfsichtiger Mann mittleren Alters, der ein braunes Carhartt-Sweatshirt trug und schwere Winterstiefel anhatte. Das Schneefeld vor ihm, blau getönt vom weichen Morgenlicht, war von Wolfsspuren durchzogen. Er folgte ihnen bis an den Rand eines offenen Felds. Dahinter, ungefähr eine Viertelmeile entfernt, erhob sich ein steiler, stark bewaldeter Berghang, und rechts davon zeichnete sich ein weiterer Gipfel ab, der die Morgensonne verdeckte.

Um den kräftigen Hals des Jägers hing an einer Schnur eine braune Plastikpfeife, geformt wie eine Schachfigur. Er setzte sie an die Lippen und blies ein paar Mal kurz hinein, wobei er mit dem Finger die kleine gerillte Trichteröffnung am Ende der Pfeife mehrmals zudeckte, um damit das Wimmern eines sterbenden Waldkaninchens nachzuahmen. Es ähnelte stark dem Weinen eines unter Koliken leidenden Babys, einem Geräusch, das er seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr gehört hatte. Er wartete eine halbe Minute, sandte dann einen weiteren Ruf durch die dünne Bergluft. Dieser war zuerst schrill und herausfordernd, verklang dann aber als leises Wimmern.

Der Ruf musste authentisch klingen, was die meisten Menschen nicht begriffen. Es war sinnlos, wie in ein Kazoo hineinzublasen. Der Trick bestand darin, sich vorzustellen, wie es wäre, bei lebendigem Leib von einem Kojoten gefressen zu werden und das Entsetzen und die Schmerzen dieser Todesart zu erleben.

Und man musste Geduld aufbringen. Seit Wochen pirschte er sich an das Rudel heran, machte hier und da einen oder zwei Wölfe aus, gelangte aber nie in Schussweite. Er hatte in der Nacht zuvor allein mit seinen hohlen Händen und seiner Stimme ihr Heulen nachgeahmt und schließlich eine Antwort von ihnen erhalten. Sie waren ganz nah gewesen, so wie jetzt auch. Er wartete ab.

Sein Name war Steven Turnbull, und er kam aus dem Crandall-Tal mitten in den Absaroka Mountains, nordwestlich von Cody, Wyoming. Der Clarks Fork, ein Nebenfluss des Yellowstone River, floss im Westen durch einen engen Canyon, der sich am Ende in einen weiten, von Murray-Kiefern gesäumten Talkessel öffnete, in den der Crandall Creek von den Berghängen, die an den Yellowstone-Nationalpark grenzten, in Kaskaden herabstürzte. Der Crandall Creek war nach einem Goldgräber benannt, der im Frühjahr 1870 auf dem Weg zu einer vielversprechenden Goldmine in der Nähe des Quellgebiets des Clarks Fork von Indianern getötet wurde. Da die nächstgelegene Siedlung mindestens zwanzig Meilen entfernt war, wurden die Leichen von Marvin J. Crandall und seinem Partner erst im darauffolgenden Frühjahr gefunden, als ein Suchtrupp am Ufer des Bachs auf ihre abgeschlagenen Köpfe stieß, angeblich aufgespießt auf die eigenen Spitzhacken der Männer.

Das Crandall-Tal war nach wie vor schwer zu erreichen, insbesondere im Winter. Es gab nur eine Straße, den zweispurigen Chief Joseph Highway. Im Sommer führte die kurvenreiche Straße durch eine malerische Landschaft von Cody durch den Shoshone National Forest bis Yellowstone – Luftlinie ungefähr dreißig Kilometer westlich des Flussbeckens – über eines der zerklüftetsten Gebiete der Northern Rockies. Im Winter kamen die Schneepflüge nicht weiter als bis zum Westrand von Crandall; für die Tour zum Yellowstone brauchte man ein Schneemobil.

Das Jahr über lebten nur rund fünfzig Menschen in dem Tal, züchteten Vieh oder betrieben eine der wenigen Touristen-Ranches oder einen Outfitter Store für Jagdbedarf. Ein einziger als Painter Outpost bekannter kleiner Laden bot Frühstück und Bier an, verpflegte im Winter hauptsächlich Schneemobilfahrer und Jäger mit Lebensmitteln und im Sommer die wenigen Yellowstone-Touristen, die wild entschlossen waren, die kaum befahrene Straße zum Park zu nehmen.

Kurz nach der Ankunft von Marvin Crandall und anderen Goldsuch