1. Kapitel
Meursault, Burgund
September
Ich hätte es niemals zugegeben, aber eigentlich hatte ich mir geschworen, nie mehr an diesen Ort zurückzukehren. Ich hatte sehr wohl unzählige Male von ihm geträumt, von den geschwungenen Hängen mit den knorrigen Reben, von der Sonne, die in der Hitze nur als weißer Streifen am Himmel zu erkennen war, von dem flirrenden Licht und den Schattenflecken. Doch die Träume gingen stets schlecht aus. Schwere Wolken verdunkelten den Himmel, raue Winde wirbelten Blätter auf, die sich leise Geheimnisse zuflüsterten. Jedes Mal schreckte ich aus dem Schlaf hoch. Mein Herz pochte beunruhigend, und in meinem Hals saß ein Kloß, der sich auch nicht vertreiben ließ, wenn ich kaltes Wasser trank.
Und dennoch war ich nun hier. Dies war mein erster Morgen im Burgund. Von meinem Zimmerfenster aus sahen die Weinreben genauso aus, wie ich sie in Erinnerung hatte. Wie es sich für den Spätsommer gehörte, hingen sie voll von üppigen, fast reifen Trauben. In zwei oder drei Wochen begann dievendange, die jährliche Weinernte, und ich würde zu den Erntehelfern gehören, die die Trauben in alter burgundischer Tradition von Hand schnitten. Bis dahin sahen wir zu, wie die Früchte reiften und immer süßer wurden, die Chardonnay-Trauben eine hellgrüne Farbe annahmen und die des Pinot Noir ein tiefes Schwarz.
Ich zuckte zusammen, als es an der Tür klopfte. »Kate?«, rief Heather. »Bist du wach?«
»Guten Morgen!«, gab ich zur Antwort, und sie trat ins Zimmer.
Ihr Lächeln war noch genau so, wie ich es aus der Collegezeit in Erinnerung hatte – fröhlich strahlende Augen umgeben von Lachfalten und kleine ebenmäßige Zähne.
»Ich habe dir einen Kaffee mitgebracht.« Sie reichte mir eine Tasse und strich sich die dunklen Locken aus dem Gesicht. »Hast du gut geschlafen?«
»Wie eine Tote.« Nachdem ich fast vierundzwanzig Stunden von San Francisco nach Frankreich unterwegs gewesen war, war ich eingeschlafen, kaum dass mein Kopf das Kissen berührt hatte.
»Fühlst du dich hier oben auch wohl? Ich fürchte, das Zimmer ist ein bisschen spartanisch eingerichtet.«
Heather blickte sich um – ein schmales, mit frischen Laken bezogenes Bett, ein Garderobenständer aus Bugholz, der als Kleiderschrankersatz diente, sowie ein verschrammter Schreibtisch vor dem Fenster würden für die kommenden Wochen meine Zuhause sein.
»Alles in Ordnung«, versicherte ich ihr, obwohl sie recht hatte. Trotz des Straußes feuerroter Dahlien auf dem Kaminsims und der glänzenden honigfarbenen Dielen wirkte das Dachzimmer mit dem nackten Fenster und den ausgeblichenen Tapeten, die sich von den Wänden lösten, irgendwie trostlos. »Ich glaube, dieses Zimmer hat schon in meiner Kindheit so ausgesehen.«
»Ach ja, du hast ja früher mit deiner Mutter hier gewohnt. Das hatte ich ganz vergessen. Das Zimmer steht leer, seit dein Großvater gestorben ist. Wie lange ist das jetzt her? Zwanzig Jahre? Aber sei unbesor