: Linus Geschke
: Finsterthal Thriller
: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
: 9783423436892
: Born-Trilogie
: 2
: CHF 8.90
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der zweite Fall für Ex-Polizist Alexander Born Junge Frauen werden entführt - und trotz der Zahlung des Lösegeldes ermordet. Ein Racheakt an ihren Vätern, die mit illegalen Geschäften ein Vermögen gemacht haben? Zunächst nur widerwillig geht der kriminell gewordene Ex-Polizist Alexander Born auf Spurensuche. Doch dann ist sein Jagdinstinkt geweckt. Gemeinsam mit seiner ehemaligen Kollegin Carla Diaz will er den Mann, der sich »Der Dunkle« nennt, zur Strecke bringen. Bei ihm laufen offenbar alle Fäden zusammen. Aber in diesem Spiel aus Lüge und Verrat ist nichts, wie es scheint. Und hinter jeder Wahrheit verbirgt sich eine weitere.

Linus Geschke, Jahrgang 1970, arbeitet als freier Autor und Journalist. Für seine Reisereportagen hat er mehrere Preise gewonnen. Sein Thriller>Tannenstein< wurde auf Anhieb ein Bestseller.

BERLIN
DREI TAGE SPÄTER


Alexander Born hatte in dieser Nacht Albträume. Wie schon in der vorherigen und wie in jener, die der vorherigen vorangegangen war.

Ein formloses Wesen war ihm wie ein Schatten durch die Träume gefolgt. Nie wurde es schneller, nie langsamer, ständig spazierte es im Gleichschritt hinter ihm her, schweigend wie eine Gefolgschaft aus Blut und Gewalt. Born wusste nicht, was das Wesen antrieb, aber er wusste, wo es geboren worden war: in der Justizvollzugsanstalt Tegel, in der er drei Jahre eingesessen hatte, weil er sich als Polizist an Kriminellen bereichert hatte, indem er sie ausraubte. Nicht die beste aller Ideen, aber auch nicht die schlechteste.

Dachte er, damals.

Bis zu dem Tag zumindest, an dem jemand seine Partnerin und Geliebte Lydia ermordete und es nichts gab, was er tun konnte, weil Gitterstäbe und Betonwände jeden Handlungsspielraum begrenzten. Es hatte ihn schier wahnsinnig gemacht, irgendetwas in ihm zerbrochen. Was immer in der Dunkelheit dieser Tage geboren wurde, blieb fortan ein Teil von ihm.

Nach seiner Entlassung war er von dem Gedanken besessen gewesen, Rache an dem zu nehmen, den er für Lydias Tod verantwortlich machte. Doch dieser Mann war jetzt auch tot. Born hatte gehofft, er könnte danach seinen Frieden und wieder zu sich selbst finden, aber das Wesen hatte ihn nicht mehr losgelassen.

Manchmal hatte er Angst, es würde ihn packen und verschlingen; manchmal ließ es ihn nachts vom Gefängnis träumen, von dem Gestank und der Angst dort. Bilder von schreienden Irren und gepeinigten Idioten geisterten durch seinen Kopf; von brutalen Gewaltorgien, empathielos ausgeführten Tritten und Schlägen. Er hörte das Geräusch, das Schädel machten, wenn sie gegen Betonwände krachten, sah zerschlagene Gesichter und konnte immer noch die allumfassende Einsamkeit spüren, die er mit Hunderten anderer teilte. Das Wesen erinnerte ihn daran, wie es war, keinen Millimeter Raum für sich zu haben, keine Sekunde allein zu sein. Und keine Spur von Schönheit, nirgends.

Der einzige Mensch, den er nach seiner Entlassung an sich rangelassen hatte, war Norah Bernsen gewesen. Eine Polizistin, in deren Person sich äußere und innere Schönheit verbanden.

Aber auch sie war wieder aus seinem Leben verschwunden. Vielleicht, weil er nie auf ihre Anrufe reagiert hatte; vielleicht, weil sie die Augen irgendwann nicht mehr vor dem verschließen konnte, was in ihm herrschte.

Er war jetzt achtunddreißig und allein auf der Welt.

Fast.

Er hatte ja immer noch das Wesen.

Als Born um neun Uhr aufstand, hatte der wolkenverhangene Himmel die satte, monochrome Sepiafarbe einer alten Fotoaufnahme. Er putzte sich die Zähne, trank einen Kaffee und zog Sportkleidung an. Dann verließ er die großzügig geschnittene Dreizimmerwohnung in Charlottenburg, die er von seinen Eltern geerbt hatte, und joggte los.

Nach zwei, drei Minuten hatte er sein Tempo gefunden. Er trabte durch baumgesäumte Straßen, die von renovierten Altbauten geprägt waren, vorbei an Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Da waren Frauen in Business