Schmerz. Unerträglicher Kopfschmerz, der sich von der Stirn über den Schädel bis in den Nacken zieht, weckt Paul Verhoven auch am14. Juni. Schon wieder. Paul öffnet die Augen vorsichtig.
Draußen dämmert es. Paul will den Wecker gar nicht sehen. Er will die Uhrzeit nicht wissen, im Gegenteil würde er die Zeit am liebsten vergessen. Wie er so vieles vergessen will: den Schmerz, das verkorkste Zeugnis, die Sache mit seiner Mutter und sogar das Datum des heutigen Tages. Vor allem ist es aber dieser pünktlich einsetzende Schmerz, der ihm Angst einjagt. Er schaut nun doch auf den Wecker.04:07 Uhr.
Exakt um diese Uhrzeit wacht er nun schon seit zwei Wochen mit diesen mörderischen Kopfschmerzen auf, gegen die, wie er inzwischen weiß, keine Tablette hilft. Er fühlt sich seit Wochen jeden Morgen so, als hätte jemand sein Gehirn durch den Fleischwolf gedreht. Paul weiß, dass auch diese Nacht für ihn gelaufen ist. Schlafen wird er nicht mehr. Und das ausgerechnet heute, an seinem14. Geburtstag.
Wo kommen diese Schmerzen her?, fragt sich Paul. Warum verschwinden sie immer unten am See, wenn er am Boot von Friedrich Luft arbeitet? In der Schule dagegen ist ihm der Schädel einmal fast geplatzt. Aber als er sich krankmelden wollte, meinte die Mathe-Schuster nur, dass solche Manöver ihm auch nichts mehr nutzen würden. Sein Zeugnis sei das schlechteste der Jahrgangstufe. Das einzig Gute an diesem grässlichen Morgen seines14. Geburtstages ist für Paul, dass es auch der erste Ferientag ist. Drei Monate dauern die Sommerferien nun. Vor zwei Jahren hat die Regierung die Ferienzeit noch einmal verlängert, weil die Schulen in den trockenen, heißen Sommermonaten sowieso wegen Hitzefrei geschlossen blieben.
Aber mit der Schule und dem Druck der Lehrer hat Pauls Vier-Uhr-sieben-Schmerz nichts zu tun, das ahnt Paul schon. Seinem Vater hat er nichts von seinen Befürchtungen erzählt. Auch wenn die Krankheit bei seiner Mutter nicht im Kopf begonnen hat, war sein erster Gedanke, dass die Schmerzen etwas mit einem Tumor zu tun haben könnten.
Seit seine Mutter die Diagnose Krebs bekommen hat, ist selbst Pauls sonst so entspannter Vater nicht mehr cool, wenn es um die Gesundheit geht. Er würde Paul sofort durch sämtliche Geräte der neurologischen Abteilung jagen, auf der seine Mutter als Krankenschwester gearbeitet hat.
Paul will seinen Eltern keinen zusätzlichen Kummer bereiten. Seine Mutter hat sowieso genug mit sich und sein Vater genug mit seiner Mutter und ihrer Krankheit zu tun. Das Zeugnis, das Paul ihm gestern, am letzten Schultag vor den Sommerferien, vorgelegt hat, war hart genug. Ein bisschen bewundert Paul seinen Vater für die Lässigkeit, mit der er dieses »Katastrophen-Blatt«, wie die Mathe-Schuster es noch nennen musste, als sie es Paul auf den Tisch klatschte, aufgenommen hat. Er hat nur rasch draufgeschaut, Paul über den Kopf gewuschelt und gemurmelt: »Das ist den Umständen geschuldet, Paul.«
Paul schiebt die D