1. Gemma
»Mrs. Campbell?! Ach, wie gut, dass Sie da sind!«
Ich will gerade durch die Eingangspforte des Kindergartens Farnham Castle gehen, als mich jemand von der Seite anspricht. Es ist ein Uniformierter mit ergrauendem Bürstenschnitt.
»Ich bin Police Inspector Miller.«
Wir reichen uns die Hände.
»Hab gerade noch einen Funkspruch an die Mannschaft abgesetzt.«
Er deutet zu den beiden Dienstwagen hinüber, die auf der anderen Straßenseite geparkt sind. Von weiteren Einsatzkräften ist jedoch nichts zu sehen.
»Meine Leute sind bereits mit der Suche beschäftigt«, erklärt PI Miller mir, meinen Blick richtig deutend. »Aber sie können natürlich nicht leisten, was wir uns von Ihnen erhoffen.«
Er schaut an mir vorbei zu meinem Kastenwagen, den ich auf dem kleinen Parkplatz im Schatten einer Kastanie abgestellt habe.
»Sind die Hunde da drin?«
»Ich habe nur meinen eigenen Hund dabei, Charles, einen English Springer. Er ist es gewohnt, im Auto zu warten, bis der Einsatz losgeht. Üblicherweise sind wir mindestens zu zweit. Aber es war keine Kollegin verfügbar. Und je früher wir mit der Suche beginnen, desto besser.«
»Definitiv! Wenn Sie mir bitte folgen würden?!«
Er führt mich hinein in den kleinen, lang gestreckten Bungalow, dessen Fenster mit Fingerfarbe verschönert sind.
Das Linoleum quietscht unter unseren Schritten, als wir durch den Eingangsbereich eilen. An den Wänden stehen winzige Bänke, mit jeder Menge kleiner Schuhe darunter und bunter Jäckchen darüber, die an Kleiderhaken mit hübschen Motiven hängen.
»Timothy hat seine Straßenschuhe und seine Jacke angezogen«, erklärt PI Miller mir und deutet im Vorbeigehen kurz auf einen leeren Platz, über dem ein kleines Schild mit einem Schneemann auf blauem Grund zu sehen ist. »Er muss die Einrichtung verlassen haben. Alle umliegenden Polizeiwachen sind informiert. Es gibt keinerlei Hinweise auf ein Kind, das allein durch die Straßen läuft.«
»Hier drinnen haben Sie alles abgesucht?«, erkundige ich mich und werfe einen Blick aus einem Flurfenster, an dem wir vorbeikommen.
Dort draußen spielen Dutzende Kinder. In einem großen Sandkasten, in Abenteuerbuden und auf Schaukeln. Zwischen ihnen sitzen oder stehen Kindergärtnerinnen, die sie beaufsichtigen. Es sieht aus wie in jeder anderen Tagesstätte um diese Tageszeit. Mit dem Unterschied, dass sich hier, unbemerkt von all den anderen Kindern, gerade ein kleines Drama abspielt. Ein Drama, das hoffentlich einen guten Ausgang nehmen wird.
»Ja, wir haben die Toilettenräume durchsucht, jeden Schrank und jede Abstellkammer. Auch draußen jeden Winkel abgegrast.«
PI Miller klopft energisch an eine Tür zu unserer Rechten und öffnet sie sogleich.
Es ist das Büro der Leiterin der Einrichtung. In der kleinen Sitzecke springen zwei Frauen von den durchgesessenen Polstern auf.
»Mrs. Campbell ist da«, erklärt der Polizist und stellt mir die beiden dann vor. »Mrs. Ford, die Leiterin des Kindergartens, und Mrs. Buck, Timothys Mutter.«
»Gut, dass Sie so schnell kommen konnten«, sagt Mrs. Ford.
Wir nicken uns zu.
Sie ist etwa in meinem Alter, also Anfang bis Mitte vierzig, und sicher hat sie schon einige knifflige Lagen in ihrer Funktion als Leiterin eines Kindergartens erlebt. Ihre betont aufrechte Haltung und ihr beherrschtes Atmen zeigen mir, dass sie sich jedoch der Brisanz der jetzigen Situation v