: Sophia Farago
: Ein Dandy in Nöten
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955307776
: Die Lancroft Abbey Reihe
: 1
: CHF 6.20
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 350
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Nicolas Barnett hat alles, was sich ein junger Adeliger im Jahr 1821 wünschen kann: ein außergewöhnlich gutes Aussehen, einen modebewussten Schneider, eine Wohnung im vornehmen Londoner Stadtteil Mayfair, einen Freund, der alle seine Späße mitmacht und einen großzügigen Vormund, der diese finanziert. So verbringt er, nach Abschluss des Studiums in Cambridge, seine Tage mit Pferderennen, die Abende mit Brandy am Spieltisch und die Nächte in den Betten diverser Schauspielerinnen. Als er jedoch zur spät zur Krönung Georgs IV erscheint, reißt seinem Vormund die Geduld. Er streicht alle finanziellen Zuwendungen und Nicolas beschließt zu seinem Bruder Bertram nach Preußen zu reisen. Um die Überfahrt zu finanzieren nimmt er in Dover eine Stelle bei John Sanders an, der mit Überseehandel zu großem Reichtum gekommen war. Dieser stellt ihn als Schreiber in seinem Kontor ein, in dem seine Tochter Claire die Buchführung erledigt. Nicolas und Claire verlieben sich ineinander. Doch ist eine Kaufmannstochter gut genug für den Bruder eines Viscounts? Und ist er, arm wie eine Kirchenmaus, überhaupt gut genug für sie?

Sophia Farago liebt England und nennt die englische Geschichte des beginnenden 19. Jahrhunderts ihre Zeit. Nachdem sie als junges Mädchen die Regency-Romane von Jane Austen und Georgette Heyer verschlungen hatte, begann sie die Hintergründe genau zu recherchieren und Berge von Büchern zusammenzutragen: alles über das Königshaus, Mode, Gepflogenheiten, Städte, Fächer, Kutschen, Grabsteine... Mehr als fünfzig Reisen führten sie durch London und die gesamte Insel. 2001 hat sie stilecht über dem Amboss in Gretna Green geheiratet. Als vor nunmehr 25 Jahren imaginäre Heldinnen und Helden in ihrem Kopf zu sprechen begannen, schrieb sie ihren ersten Roman 'Die Braut des Herzogs'. Inzwischen sind dreizehn weiter dazugekommen. Sie erklomm damit höchst erfolgreich die Bestsellerlisten und zählt zu den erfolgreichsten Regency-Autorinnen im deutschsprachigen Raum.

Kapitel 4


Dover, Kent
Juli 1821

Zur selben Stunde, als sich die Viscountess Panswick wieder einmal bewusst wurde, wie sehr sie es hasste, nach London zu reisen, um sich der strapaziösen und langwierigen Zeremonie einer Krönung auszusetzen, vertrat eine andere Frau, kaum sechzig Meilen weiter westlich von Lancroft Abbey, eine ganz andere Ansicht. Miss Prudence Sanders, ein lediges Fräulein von vierundfünfzig Jahren, hatte ihrem Bruder hinter der Tür zu seinem Schifffahrtskontor aufgelauert und verstellte ihm nun mit ihrem Rollstuhl den Weg ins Innere. Sie war wie immer ganz in Schwarz gekleidet. Eine riesige Haube ohne jeden Zierrat thronte auf ihren dünnen, streng zurückgekämmten und am Hinterkopf zu einem mageren Dutt zusammengefassten Haaren. Die blassen, mit blauen Äderchen durchzogenen Wangen waren leicht gerötet.

„Wir müssen nach London, Bruder! Als gute Royalisten ist es unsere Pflicht und Schuldigkeit, unserem neuen Monarchen zuzujubeln. Schließlich ist er König von Gottes Gnaden und …“

„Vor allem ist er ein elender Verschwender“, unterbrach sie ihr Bruder mürrisch, „und gerade dich als alte Jungfer sollten seine Weibergeschichten abschrecken. Jetzt lass mich durch, ich habe zu arbeiten!“

Prudence dachte gar nicht daran, mit ihrem Rollstuhl zu weichen. „Es steht dir als einfachem Kaufmann nicht zu, über einen König zu urteilen“, erklärte sie großspurig, wobei die Bezeichnungeinfacher Kaufmann eine Retourkutsche für seinealte Jungfer gewesen war, wie ihrem Bruder nicht entging. „Es gehört sich, dass wir bei diesem Ereignis dabei sind, wenn wir schon die Gelegenheit dazu haben.“ Sie hob energisch ihre Rechte: „Da lasse ich keinen Widerspruch aufkommen. Das hätten auch unsere Eltern, Gott sei ihrer Seele gnädig, so gewollt.“

John Sanders war ein ernster Mann mit festen Grundsätzen, der es gewöhnt war, dass sein Wort galt und es keinen gab, der sich ihm zu widersetzen wagte. Seine ältere Schwester bildete, zu seinem Leidwesen, eine Ausnahme. Er hatte dereinst von seinem Vater zwei kleine Boote und ein weitläufiges Steinhaus am Hafen geerbt. Längst hatte er dem FischfangGood Bye gesagt und sich als Kaufmann einen Namen gemacht. Sobald er Anfang des Jahres 1812 Wind davon bekommen hatte, dass die East-India-Company das Privileg verlieren würde, die Einzigen zu sein, die Tee importieren durften, hatte er ein Frachtschiff in Auftrag gegeben. Diese Entscheidung hatte sich als goldrichtig erwiesen, hatte er doch, seit er 1813 mit dem Handel von Tee aus dem fernen Indien begonnen hatte, ein stattliches Vermögen angehäuft. Ein Vermögen, das er mit harter Arbeit in Zukunft noch weiter zu vergrößern trachtete. Für Ausflüge in die Hauptstadt gab es daher in seiner Terminplanung keinen Platz. Schon gar nicht an der Seite seiner Schwester, die ihm wieder einmal über alle Maßen auf die Nerven ging.

„Unsere Eltern sind seit dreißig Jahren tot, Prue“, sagte er daher streng. „Außerdem kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Vater einen Mann gutgeheißen hätte, der, wenn man demDover Chronicle glauben darf, allein vierundzwanzigtausend Pfund für einen Krönungsmantel auszugeben gedenkt. Nur weil es seiner Eitelkeit dient, diesen mit etwas so Sinnlosem wie einem weißen Hermelinkragen und goldenen Sternen schmücken zu lassen …“

Mr Sanders wurde abermals von einer strikten Geste seiner älteren Schwester unterbrochen. „Ein König ist und bleibt ein König. Allwissend und unantastbar, von Gott dem Herrn ernannt, um über uns zu herrschen.“

Mr Sanders verzog unwillig das Gesicht und klopfte mit dem altmodischen schwarzen Dreispitz, den er immer noch in Händen hielt, ungeduldig gegen seine Oberschenkel. Er hasste es, vom Hafen zurückzukommen und sich mit einem für ihn uninteressanten Thema befassen zu müssen, bevor er noch die Gelegenheit gehabt hatte, Hut und Umhang abzulegen. Also fand er, genug gehört zu haben. Er drängte sich am Rollstuhl vorbei und hängte den Hut an den Haken.

„Meine Antwort ist und bleibt ein klares Nein, Schwester. DieCloud of the Seas ist seit Tagen überfällig. Ich muss hier im Hafen sein, wenn sie ankommt.“

Da spielte Prudence Sanders noch einen weiteren Trumpf aus: „Willst du allen Ernstes Lady Wingham vor den Kopf stoßen, John? Es