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Es war nicht so, dass die bekannte Welt von einem Moment zum anderen aus den Fugen geriet. Es fing eigentlich alles ganz harmlos an …
Die Sierra Nevada, der längste und höchste Gebirgszug in den Vereinigten Staaten, erstreckte sich sechshundertfünfzig Kilometer parallel zur Pazifikküste. Genauer gesagt vom Fredonyer Pass im Norden bis zu den Tehachapi Mountains im Süden. Das Hochgebirge bildete außerdem die Grenze zwischen Kalifornien und Nevada. Sein höchster Punkt war der Mount Whitney im südlichen Teil, dessen Gipfel über viertausendvierhundert Meter in den Himmel ragte. Während im Westen die Berggruppe sanft anstieg, fiel sie im Osten mit einem der steilsten Felsabbrüche zum Great Basin, dem Großen Becken ab. Außerdem bildete die Sierra Nevada eine gewaltige Wetterscheide, die den vom Pazifik kommenden Winden nahezu sämtliche Feuchtigkeit nahm. Aus diesem Grund war das Wetter hier auch von extremen Unterschieden bestimmt. Es reichte vom Wüstenklima wie im Death Valley bis zur arktischen Witterung auf den Berggipfeln.
An diesem schicksalhaften Januartag war der perlgraue Himmel dicht mit schwangeren Wolken verhangen. Nur ab und zu blitzte durch die spärlichen Lücken eine blasse Sonne hindurch. Ein eisiger Wind fuhr durch die Wipfel der kegelförmigen Tannen und der weit ausladenden Kiefern und seufzte sein Lied von der Einsamkeit in den Zweigen. Die Reinheit der beißenden Kälte war nahezu berauschend.
Die menschlichen Eindringlinge waren es, die diese Urwüchsigkeit der Wildnis störten und ihre Bewohner aufschreckten. Gedrungene Pfeifhasen versteckten sich irgendwo in den Geröllhalden, während sich die scheuen Rotluchse im Dickicht verkrochen. Flinke Belding-Ziesel huschten die von Eis und Schnee bedeckten Baumstämme hoch, und über ihnen hüpften mausgraue Kiefernhäher aufgeregt von Ast zu Ast.
Bei den Störenfrieden, die in diese atemberaubende Natur eindrangen, handelte es sich um fünf Wanderer. Zwei Männer und drei Frauen. Mit langen Skistöcken stapften sie lautstark durch den Schnee, der allmählich immer tiefer wurde. Immer weiter mussten sie die Knie hochziehen, um zwischen dem dichten Bergwald voranzukommen. Aufgrund des zusätzlichen Gewichts durch die Trekkingrucksäcke auf ihren Rücken wurde dies jedoch zunehmend schwerer und anstrengender und ihre Bewegungen langsamer und zäher. Fast so, als kämpften sie sich vergebens in einem Sumpf vorwärts, nur, dass dieser Morast aus Schnee und Eis bestand.
Die Gesichter unter den Kapuzen der dick gefütterten Parkas waren von der Kälte und den Strapazen gerötet. Atemwolken standen vor ihren verzerrten Lippen, als stießen sie hektisch tief eingezogenen Zigarettenqualm aus.
Die alten Jagdwege waren kaum mehr als schneebedeckte, schwer begehbare Pässe. Die wenigen Saumpfade, die die Holzfäller benutzten, die ohnehin nicht weit und manchmal sogar im Kreis führten, waren ebenfalls zugeschneit.
Je höher und näher die Wanderer der Baumgrenze kamen, umso spärlicher wurde die Vegetation. Die Tannen und Kiefern sahen immer verkrüppelter und kleiner aus und waren nicht mehr sehr viel höher als fünfzig Zentimeter. Wären da nicht die majestätischen Berge gewesen, die sich ringsherum erhoben, hätte man denken können, die Welt sei zu einem Mikrokosmos zusammengeschrumpft.
Immer weiter trieb der steife Wind eine breite und dunkle Schlechtwetterfront an die hoch aufragenden Gipfel heran, bis die schwachen Sonnenstrahlen schließlich vollends erstarben. Die geschlossene Wolkendecke, die nun b