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Sie hatte ihren Vormittag mit einem Mörder zugebracht.
Er hatte streng bewacht in einem Bett im Krankenhaus gelegen, denn sein eigener Komplize hätte ihn versehentlich fast umgebracht, aber sie hatte nicht einen Hauch von Mitleid mit dem Kerl.
Natürlich war sie froh, dass er noch lebte, denn sie wünschte ihm viele, viele Jahre möglichst in einer der Sträflingskolonien irgendwo im All. Die Beweise, die sie und ihre Leute gegen ihn gesammelt hatten, waren so erdrückend, dass der Staatsanwalt bei ihrer Durchsicht beinah einen kleinen Freudentanz vollführt hätte. Wobei das Sahnehäubchen auf dem Kuchen das Geständnis war, das sie dem Kerl entlocken konnte, während er ihr gegenüber eine spöttische Bemerkung nach der anderen fallen ließ.
Nachdem es ihm nicht gelungen war, sie am Vortag zu töten, obwohl er sich alle Mühe gegeben hatte, war seine Häme einfach von ihr abgeprallt.
Sylvester Moriarity würde dank der besten medizinischen Behandlung, die man einem Menschen im New York des Jahres 2060 angedeihen lassen konnte, wieder vollkommen gesund, und nach seiner Genesung in das Gefängnis überführt, in dem sein Kumpel Winston Dudley bereits saß. Dort würden sie auf die Eröffnung des Prozesses warten, über den bestimmt im großen Stil berichtet würde, da sie beide Sprosse reicher, angesehener Familien waren.
Für sie war der Fall jetzt schon abgeschlossen, dachte Eve, als sie an diesem heißen Samstagnachmittag nach Hause fuhr. Den Toten war die einzige Gerechtigkeit zuteilgeworden, die sie ihnen anzubieten hatte, und ihre Familien und Freunde müssten sich mit dem Gedanken trösten, dass die beiden Kerle für das Leid, das den geliebten Menschen ihretwegen widerfahren war, zahlen würden.
Trotzdem ließen die Grausamkeit und Egozentrik dieser beiden Männer sie noch immer nicht ganz los. Sie hatten sich aufgrund ihrer eigenen Wichtigkeit und ihres gesellschaftlichen Stands das Recht herausgenommen, Mord als amüsanten Zeitvertreib oder vielleicht auch schlicht als ihnen zustehenden Luxus anzusehen.
Sie manövrierte ihren Wagen durch die Straßen von New York. Es herrschte der gewohnte Lärm aus Hupen und nervtötender Fröhlichkeit, mit der die Werbeflieger Kundschaft in die Sky Mall oder andere Geschäfte locken wollten. Die Bürgersteige waren, wie wahrscheinlich auch die Läden, mit Touristen überfüllt, die sich die an den Schwebegrills verkauften Sojadogs und Pommes schmecken ließen, während sie in den gepriesenen Geschäften und bei diversen Straßenhändlern auf der Jagd nach Andenken und Schnäppchen waren.
Ein brodelnder Hexenkessel, dachte Eve, und die drückende Hitze, die in diesem Sommer auf der Stadt lag, trug das ihre dazu bei.
Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie sich ein Taschendieb blitzschnell an einem Touristenpaar vorbeischob, dem die eigene Sicherheit eindeutig nicht so wichtig war wie das Staunen über die Gebäude und die hochmodernen Gleitbänder, die sie umgaben. Im Handumdrehen verschwand die Brieftasche des Mannes in einer der Taschen seiner schlabberigen Cargohose, bevor er wie eine Schlange durch den Pulk an Menschen glitt, der sich über die Straße schob.
Wenn sie zu Fuß oder zumindest in derselben Richtung unterwegs gewesen wäre, hätte sie sich an die Fersen dieses Kerls geheftet, und wahrscheinlich hätte ihre Stimmung sich bei der Verfolgung deutlich aufgehellt. So aber tauchten er und seine Beute einfach ab, und wenn ihn niemand anderes stoppte, nähme er an diesem Tag bestimmt noch jede Menge argloser Touristen aus.
Das Leben ging immer weiter, egal was auch geschah.
Als Lieutenant Eve Dallas endlich in die Einfahrt ihres ausgedehnten Grundstücks bog, rief sie sich diesen Leitspruch nochmals in Erinnerung. Egal, was auch passiert war, ging das Leben weiter, was die Grillparty, zu der sie heute eine Horde Polizisten, Freundinnen und Freunde eingelade