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Und ich kann sie nur auf der Steinbrücke gesehen haben, die Tänzerin, gehüllt in gespenstisches Blau, denn dies muss der Weg gewesen sein, auf dem man sie zurückgebracht hat, damals, als ich klein war, damals, als die Erde Virginias noch rot war wie Ziegel, rot und strotzend vor Leben; und auch wenn es viele Brücken über den Fluss Goose gibt, wurde sie sicher gefesselt über ebendiese Brücke gebracht, führt doch keine andere zu der Landstraße, die sich durch die grünen Hügel hinab ins Tal windet, bevor sie schnurgerade Richtung Süden führt.
Ich hatte die Brücke stets gemieden, weil ich sie besudelt fand von der Erinnerung an jene Mütter, Onkel, Vettern, die nach Natchez verschwunden sind. Da ich aber die überwältigende Kraft der Erinnerung kenne, da ich heute weiß, dass sie eine blaue Tür von einer Welt in die andere öffnen kann, dass sie uns von den Bergen hinab zu den Weiden, vom grünen Wald auf schneebedeckte Felder zu führen vermag, da ich weiß, dass die Erinnerung ein Land wie ein Tuch falten kann, und weiß, dass ich jede Erinnerung an sie ins »dort unten« meiner Seele gedrängt habe, da ich weiß, wie ich vergessen konnte, aber nichts vergaß, weiß ich nun auch, dass diese Geschichte, diese Konduktion, genau dort beginnen muss, auf dieser sagenhaften Brücke zwischen dem Land der Lebenden und dem Land der Verlorenen.
Und sie steppte den Juba auf der Brücke, einen irdenen Krug auf dem Kopf, vom Fluss stieg dichter Nebel auf, leckte an den nackten Fersen, die auf die Pflastersteine trommelten, dass ihre Muschelkette wippte. Der irdene Krug aber rührte sich nicht, schien ein Teil von ihr zu sein, und trotz ihrer hochgezogenen Knie, trotz ihrer Verrenkungen, Pirouetten, ausgestreckten Arme, saß der Krug auf ihrem Kopf so fest wie eine Krone. Und als ich dieses unglaubliche Kunststück sah, wusste ich, die da Juba tanzt, die in gespenstisches Blau gehüllte Frau, das war meine Mutter.
Niemand sonst sah sie – Maynard nicht, der hinten in der neuen Millenium-Kutsche saß, die Dirne nicht, die ihn mit ihren Künsten in Atem hielt, und, höchst seltsam, auch das Pferd nicht, dabei heißt es doch, Pferde hätten einen Riecher für Dinge, die sich aus anderen Welten in unsere verirrten. Nein, ich allein habe sie vom Kutschbock aus gesehen, und sie war genauso, wie man sie mir beschrieben hatte, genauso, wie sie in der alten Zeit gewesen sein muss, wenn sie mitten in den Kreis meiner Leute sprang – Tante Emma, Young P., Honas und Onkel John –, und sie klatschten, schlugen sich auf die Brust und die Knie, feuerten sie an, schneller, immer schneller, und sie stampfte so wild auf den Sandboden, als wollte sie ein Krabbelvieh unter ihren Sohlen zerstampfen, kreiste und beugte die Hüfte, kreiste und beugte die abgewinkelten Knie, auch die Hände, den irdenen Krug fest auf dem Kopf. Meine Mutter war die beste Tänzerin in Lockless, so hatte man es mir erzählt, und ich erinnerte mich daran, weil sie mir nichts davon vererbt hat, vor allem aber erinnerte ich mich, weil ihr Tanz die Aufmerksamkeit meines Vaters geweckt hatte und ich letztlich so ins Leben fand. Mehr noch, ich erinnerte mich daran, weil ich mich an alles erinnerte – an alles, wie es scheint, nur nicht an sie.
Es war Herbst, die Jahreszeit, in der die Rennen in den Süden kommen. An jenem Nachmittag hatte Maynard mit einem Vollblut Glück gehabt, einem Außenseiter, und geglaubt, das würde ihm endlich die Anerkennung der Oberen Virginias einbringen, an der ihm so gelegen war. Doch als er in seiner Kutsche eine Runde um den großen Stadtplatz drehte, zurückgelehnt und breit grinsend, kehrten ihm die Honoratioren den Rücken zu und pafften weiter ihre Zigarren