Das darf nicht wahr sein! Ich bin so blöd! Hab nicht aufgepasst. Man kann es gar niemandem erzählen. Würde ohnehin keiner glauben. Und doch ist es wahr. Möglicherweise komme ich nicht einmal je in die Versuchung, es jemandem zu erzählen, weil ich die nächsten fünf Minuten nicht überlebe. Ein einziger Muckser oder Nieser genügt, und er hat mich. Totenstill und bewegungslos liege ich hier. Das sollte meine Lehrerin Frau Lornsen mal sehen, wie ruhig ich hier liege. Die würde staunen. »Unterlass bitte mal das ständige Zappeln!«, mahnt sie mich oft. Aber nur, weil Gonzo, der in der Schule hinter mir sitzt, mir mal wieder in den Rücken piekt. Hin und wieder fliege ich dann sogar aus dem Unterricht – statt Gonzo. Vom Geografieunterricht habe ich ein Drittel vor der Tür verbracht, schätze ich mal. Eigentlich wäre es egal. Denn alles, was ich über die Welt weiß, habe ich ohnehin nicht in der Schule gelernt. Also jedenfalls nicht in dernormalen Schule, sondern bei einer Spezialausbildung in den Ferien, von der niemand etwas weiß. Bis auf meine Eltern, und selbst die kennen keine Details. Aber ich kann mir nicht so viel Unterrichtsausfall leisten, weil ich sowieso schon oft genug in der Schule fehle. Die Schule lässt sich eben nicht immer mit meinen Aufträgen vereinbaren.
Aufgepasst! Da ist er wieder, mein Verfolger. Ich bleibe absolut geräusch- und bewegungslos. Mein Rekord im Training liegt bei 32 Minuten.
Mein Verfolger sieht mich nicht. Und das wird er auch nicht, solange er nicht auf die Idee kommt, hinunterzuschauen,unter seine Füße. Wer schaut schon hinunter, wenn er jemanden sucht? Nach links schaut man, nach rechts, nach hinten oder vorn. Aber nie nach unten. Ist so eingebrannt in uns. Vermutlich seit ewigen Zeiten, weil schon bei den Urmenschen die Gefahr nie von unten drohte. Jedenfalls funktioniert es. Bei ihm auch. Hoffentlich. Er steht auf dem Gitterrost eines Lüftungsschachtes. In dem Lüftungsschacht darunter liege ich. Rücklings, das Rost dicht über meinem Gesicht, keine zehn Zentimeter bis zu meiner Nasenspitze. Sand rieselt aus den Rillen seiner Schuhsohlen durch den Rost direkt auf meine Augen, die ich schnell zukneife. Ich rege mich nicht, drehe den Kopf nicht zur Seite, schüttelte mich nicht, räuspere mich nicht. Nichts. Nur ein Zwinkern mit den Wimpern erlaube ich mir, um das eine oder andere Sandkorn abzuschütteln. Es gelingt nicht ganz. Eines der Sandkörner ist in meinem rechten Auge gelandet. Es brennt höllisch. Ich halte es aus, ohne mich zu bewegen. Lange wird er ja wohl nicht dort oben stehen. Er sucht mich, glaubt, mir dicht auf der Spur zu sein. Ist er ja auch. Dichter, als er ahnt. Aber er darf keine Zeit verlieren, muss sich entscheiden, in welche Richtung er mich weiterverfolgen will. Solange werde ich mich nicht rühren. Unter gar keinen Umständen. Ich halte es aus. Das Auge brennt, die Nase juckt, in meinem Rücken zwickt etwas. Mein Fuß kribbelt. Nicht daran denken. Ich halte das aus. Es kann nicht lange dauern. Rettung müsste unterwegs sein. Ich habe mich in der Zentrale gemeldet und mitgeteilt, wo sie meinen Verfolger finden können. Er ist einer der wichtigsten Größen der Organisierten Kriminalität, Chef eines international agierenden kriminellen Clans. Sie nennen ihn alle nur den »Boss«. Niemand – nicht einmal wir – kennt seinen richtigen Namen. Zehn verschiedene Namen hat die Zentrale registriert, unter denen er international bisher tätig war. Keiner davon stimmt natürlich. Aber wir wissen,was er alles getan hat. Nur: Wissen und beweisen sind zwei unterschiedliche Dinge. Sein mutmaßliches Strafregister ist unendlich. Seit zwei Jahren ist ihm der Geheimdienst auf den Fersen, aber ständig fehlt es an Beweisen, oder Zeugen verschwinden, oder der Boss taucht immer wieder in letzter Sekunde unter.
Deshalb wurde ich zu Beginn der Sommerferien kurzfristig auf ihn angesetzt.