Im Herbst des Vorjahres
»Rien ne va plus!«
Monoton, fast gelangweilt übertönt die Stimme des Croupiers das hölzerne Kreiseln der Kugel, das Getuschel, das ferne Gläserklirren und das Sausen in seinem Kopf, das immer lauter wird.
Rot! Rot, Rot, Rot!
Das Ziehen zwischen seinen Schulterblättern wird unerträglich, vor seinen Augen verschwimmt der Kessel, obwohl er ihn doch hypnotisieren will.
Rot!Rouge, Rouge, Rouge!
Noch einmal fliegt sein Blick zur Anzeigetafel.
21 – 3 – 18 – 32 – 7.
Alle rot. Fünfmal hintereinander. Das ist gsssut, nein, perfekt. Es riecht danach, dass sich die Serie fortsetzt. Sein Einsatz hat sich bereits versechzehnfacht. Zweimal noch, dann ist es genug.
Immer noch jagt die weiße Kugel am Kesselrand entlang. Zu viel Schwung? Das kann und darf nicht sein. Diesen Croupier hat er seit Tagen beobachtet. Er wirft die Kugel gleichmäßig wie ein Uhrwerk. Eigentlich hätte er sogar auf Große Serie setzen können, aber er will auf Nummer sicher gehen. Er braucht das Geld, sonst sitzt er auf der Straße. Überziehungskredit überzogen, Schulden, Mietrückstand, und heute Morgen im Briefkasten der amtliche Umschlag: Zwangsräumung, endgültig. Morgen. Wenn kein Wunder geschieht.
Hier könnte es geschehen, das Wunder. Rot muss kommen! MUSS!
Klackernd fängt die Kugel an zu tanzen und zu springen.
Er kann nicht mehr hinsehen. Um Gottes willen, was tut er da! Alles liegt auf diesem einen Feld. Hatte er sich nicht tausendmal geschworen, dass er diesen Fehler nie wieder begeht? Bei Schwarz wäre alles verloren.
Schweiß tropft ihm in den Hemdkragen, rinnt ihm in die Augen.
Seine Hände zittern, als er sie in Zeitlupe vors Gesicht hebt. Nicht hinsehen!
Das Klackern wird langsamer. Klackklackklack, klackklack, klack ...
Gleich wird es entschieden sein.
Er will die Ansage des Croupiers nicht hören. Weg hier, nur weg.
Sein Stuhl kippt nach hinten, so hastig steht er auf. Der Pulk Gaffer hinter ihm lässt ihn durch, raunt verwirrt. Sein Blick hebt sich zum gleißenden Licht des Kronleuchters, zum ersten Mal seit Stunden fühlt er den unterdrückten Hunger, Durst und quälenden Druck auf der Blase.
Rot!Rouge, Rouge, Rot!
Er kann nichts anderes mehr denken.
Mit einem letzten Klick und leisem Schnarren fällt die Kugel an ihren Platz.
Er hält sich die Ohren zu, legt die Hände dann wieder vors Gesicht, nur um die Anzeigetafel sogleich zwischen den gespreizten Fingern anzuvisieren.
Noch flackert die letzte Zahl, 7, rot.
Gleich muss die neue Zahl aufleuchten.
Sein Herz rast. Er wendet sich zum Tisch, wo der Croupier mit ungerührter Miene bereits die Auszahlungen abwickelt. Die Gaffer haben ihm wieder den Rücken zugewandt, ein paar schütteln den Kopf.
Langsam dreht sich sein Kopf zur Tafel, zur Leuchtschrift, zum Unentrinnbaren.
31.
Schwarz.
Alles aus.
Stille dröhnt in seinem Kopf. Der blaue Saal dreht sich, ihm werden die Knie weich.
Nicht auffallen. So tun, als sei nichts passiert. Lächeln. Die Schultern heben und die Handflächen nach oben drehen. Pech gehabt. Morgen ist ein neuer Tag, kommt ein neues Spiel.
Nur nicht zeigen, dass es kein Morgen, kein neues Spiel mehr geben kann.
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