IN EINEM INTERVIEW MIT OPRAH
erklärte Prince 1996, warum er in Minnesota blieb, während seine Kollegen das Leben an der Küste bevorzugten: »Es ist dort so kalt, dass sich die schlechten Menschen fernhalten.« Und wie sollte es anders sein – der Boden war mit einer festen Schneedecke bedeckt, als ich landete, und es waren nicht nur die schlechten Menschen, die sich fernhielten – draußen war kaum eine Menschenseele unterwegs. Princes Fahrerin, Kim Pratt, holte mich am Flughafen in einem schwarzen Cadillac Escalade ab. Sie trug einen falschen Diamanten von der Größe einesRing Pops. »Manchmal muss es eben femininer sein«, sagte sie.
Bis zu meinem Meeting in Paisley Park dauerte es noch Stunden – und niemand schien zu wissen, wann genau es denn nun stattfinden sollte. Also ließ mich Kim beim Country Inn& Suites raus, einem unspektakulären Hotel in Chanhassen, das de facto als Außenstelle von Paisley fungierte. Einer von Princes Beratern erzählte mir, dass er schon so lange Jahre dort lebte, dass ihm das Liegerad im Fitnesscenter kaputtgegangen wäre. Offenbar hatte Prince bereits so viele Übernachtungen bezahlt, dass er das gesamte Hotel inzwischen viermal hätte kaufen können.
Ich war bis auf Weiteres »auf Abruf«. Ich hatte das Gefühl, mich in die lange und illustre Schlange von Leuten einzureihen, die Prince warten ließ. Leute, die ebenfalls schon in den Zimmern dieses Hotels gesessen hatten, vielleicht genau indiesem Zimmer, und langsam kurz vor dem Durchdrehen waren, so wie ich kurz vor dem Durchdrehen war. Ich machte den Fernseher an. Ich machte den Fernseher aus. Ich trank einen Minztee. Von meinem Zimmer aus sah man auf ausgeblichene Dachziegel, eine Pinie und eine ausrangierte Leiter. Da ich wusste, dass das Fotografieren in Paisley streng verboten war, machte ich stattdessen hiervon eine Aufnahme.
Gegen 18:30 Uhr schickte Kim mir eine Textnachricht, sie würde mich nun abholen, P – jeder im Paisley-Kosmos nannte ihn »P«, wie ich bald merken würde – war jetzt so weit, mich zu empfangen.
Die Sonne war bereits untergegangen, sodass ich meinen ersten Blick auf Paisley im Schutz der Dunkelheit warf. Von außen wirkte es irritierend bescheiden. Und trotz der lilafarbenen Außenbeleuchtung kam es mir eher vor wie die Regionalvertretung eines Waffenkonzerns oder wie der Ausstellungsraum für koextrudierte Plastikprodukte. Ringsum gab es wirklich nichts – ich hatte vorher nie wirklich wahrgenommen, wie isoliert das Gebäude lag. Ich gestand Kim, dass ich nervös sei und mein Herz rase. Sie lachte es weg.
»Das wird schon schiefgehen«, sagte sie, als sie vor dem Komplex anhielt.
Meine rechte Hand war eiskalt, obwohl ich mich eingedenk der Tatsache, dass Prince sie gleich schütteln könnte, daraufgesetzt hatte.
»Er ist wirklich süß. Du wirst schon sehen«, sagte Kim. »Um genau zu sein, du wirst esjetzt sehen – da steht er, an der Tür.«
Und so war es. Prince stand allein an der Eingangstür von Paisley Park, bereit, sich selbst vorzustellen.
»Dan. Schön dich zu sehen. Ich bin Prince.« In seiner Stimme lag eine ungeheure Ruhe, und sie war leiser, als ich erwartet hatte.
Im Foyer waren die Lichter heruntergedimmt, und obwohl die Vorbereitungen für das Konzert an diesem Abend nur dreißig Meter von uns entfernt in vollem Gange waren – Judith Hill würde in ein paar Stunden in Paisleys Tonstudio spielen, gefolgt von Morris Day& The Time –, war dieser Teil des Gebäudes vollkommen verlassen. Die Stille wurde nur durch das Gurren der Tauben unterbrochen, echte Tauben in einem Käfig oben im ersten Stock. Duftkerzen flackerten in den Ecken; ihre Süße erfüllte den Raum. Prince trug ein lose fließendes Rüschentop in changierendem Siena mit dazu passender Hose, einer grünen Weste und einem Paar perlenbesetzter Ketten. Seine Afrokrause war unter einer olivgrünen Kappe gebändigt. Die Sneakers, die er in seinen letzten Jahren bevorzugt trug, dicke weiße Sohle mit Leuchtstreifen, blinkten Rot, als er mich über eine kurze