Es war ein typischer Aprilmorgen. Der eben noch klare, blaue Himmel bezog sich rasch mit dicken Wolken. Grau und regenschwer trieb der frische Westwind sie über die Wamspitze, den Hausberg von St. Marien. Sie brachten einen kurzen Schauer, doch schon bald blinzelte die Sonne wieder durch die ersten Wolkenlücken und ließ das Dorf im Tal wie frisch gewaschen aussehen.
Valerie Kreindl war damit beschäftigt, ihr langes, braunes Haar zu einem kunstvollen Weizenzopf im Nacken zu flechten. Die bildhübsche Hoftochter, die heuer im vierundzwanzigsten Jahr stand, lebte auf einem prächtigen Berghof oberhalb von St. Marien.
Die Familie Kreindl bewohnte den Hof nun bereits in der fünften Generation. Es war ein imposantes Gebäude, erbaut im Ländlerstil mit ausladendem Schindeldach, umlaufenden Holzbalkonen und kunstvoller Lüftlmalerei. Auch die Nische für die Muttergottes neben der Haustür fehlte nicht. Im Sommer quollen die Blumenkästen von roten und weißen Geranienwolken nahezu über.
Das Haus war gut in Schuss, denn Sepp Kreindl, Valeries Vater, gab viel auf den ererbten Besitz.
In den Stallungen stand das Milchvieh, das nun bald wieder auf die saftigen Almen getrieben wurde, um besonders gute Milch zu geben. Der Kreindl hielt auch Mastschweine und Ochsen. Auf dem Hof gab es außerdem Hühner, Enten, mehrere Hauskatzen und einen etwas betagten Hofhund, der seine Hütte aber schon vor einer ganzen Weile mit dem gemütlicheren Platz am Kachelofen vertauscht hatte.
Neben der Viehzucht wurde auf dem Erbhof Feldwirtschaft betrieben, Getreide und Viehfutter angebaut, und im Sommer kam der alte Gobler-Hias aus dem Tal herauf, um die Sennhütte oberhalb des Hofes zu bewirtschaften. Der betagte Senn machte den besten Käse im ganzen Werdenfelser Land. Die Feinkostläden und besseren Restaurants in halb Bayern standen dafür Schlange. Und weil der Alte nur eine begrenzte Menge seiner Spezialitäten herstellte, waren sie begehrt und rar wie Gold.
Jetzt im April wartete auf den Feldern im Tal wieder die Arbeit, und bald stand der Almauftrieb an. Die etwas ruhigere kalte Jahreszeit war nach einem langen Winter endlich vorbei.
Valerie lächelte wehmütig bei diesem Gedanken. Früher hatte sie den Frühling geliebt. Wenn die Tage länger wurden, der Himmel blau war und die Vögel lustig zwitscherten, hatte sie gern lange Bergwanderungen unternommen. Das tat sie zwar auch heute noch, aber nicht mehr mit unbeschwertem Herzen. Dafür hatte das Schicksal ihr zu hart mitgespielt.
Unbewusst griff das Madel an die feine Goldkette, die immer um seinen schlanken Hals lag. Sie enthielt einen besonderen Anhänger, eine Glaskapsel, in der eine kleine, graue Blüte eingelegt war, ein Edelweiß.
Valeries Blick verschleierte sich. In ihren klaren, sonst fast himmelblauen Augen zeigte sich eine tiefe Traurigkeit. Nun sahen sie ganz dunkel aus, und so war es der Hoftochter auch ums Herz. Wenn die Erinnerung sie überkam, dann trat die Wirklichkeit für eine Weile in den Hintergrund. Dann war es ihr, als erlebte sie den schlimmen Moment noch einmal, der vor etwas mehr als einem Jahr ihr Leben so grundlegend verändert hatte.
Mit einem schweren Seufzer ließ Valerie den Anhänger los und zwang sich, nicht mehr daran zu denken. Zu oft hatte sie geweint, zu oft hinüber