: Henry James
: Die Drehung der Schraube
: Kampa Verlag
: 9783311701118
: Geisterhand
: 1
: CHF 12.60
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als eine junge Gouvernante nach Bly kommt, einen abgelegenen, traumhaft schönen Landsitz im Süden Englands, ist sie von ihrer neuen Aufgabe sehr angetan. Doch unerklärliche Erscheinungen und Ereignisse verwandeln die Idylle in einen Alptraum. Stehen die beiden engelsgleichen Kinder, der zehnjährige Miles und die achtjährige Flora, unter dem Bann böser Geister? Sind es die Dämonen der verstorbenen Hausangestellten, eine Gouvernante und ein Butler, die eine skandalöse Liebesbeziehung verband? Die Kinder müssen um jeden Preis geschützt werden. Die junge Frau kann nicht ahnen, welch schrecklichen Preis sie und ihre beiden Schützlinge dafür zahlen müssen.

Henry James (1843-1916) war ein Amerikaner, den es immer wieder nach Europa zog. Die meiste Zeit seines Lebens bereiste er deshalb die Alte Welt, wo er mit allen großen Schriftstellern befreundet war, etwa mit Maupassant, Stevenson oder Turgenjew. Und er wurde selbst einer der ganz Großen der Literatur, ein Meister des psychologischen Erzählens. 1915, ein Jahr vor seinem Tod, ließ er seine Heimat auch amtlich hinter sich, als er die britische Staatsangehörigkeit annahm. Während James im angelsächsischen Sprachraum, gleich ob dieseits oder jenseits des Atlantik, geradezu kultisch verehrt wird, dürfte sein Ruhm sich hierzulande noch mehren. Fängt man nämlich einmal an, seine Prosa zu lesen, ergeht es einem wie Alexander Cammann von der Zeit, der einmal schrieb: »Ein Leben ohne Henry James ist möglich, aber sinnlos.«

Die Geschichte hatte uns, die wir um das Kaminfeuer versammelt waren, in einigermaßen atemloser Spannung gehalten, doch abgesehen von der naheliegenden Feststellung, sie sei gruselig gewesen, ganz so, wie es sich für eine am Weihnachtsabend in einem alten Haus erzählte merkwürdige Geschichte geziemte, kann ich mich an keinen Kommentar erinnern, der geäußert worden wäre, bis jemand bemerkte, dies sei der einzige ihm bekannte Fall, in dem ein Kind Opfer einer solchen Heimsuchung geworden sei. Dabei handelte es sich, wie ich erwähnen darf, um eine Erscheinung just in einem solch alten Haus wie dem, das uns damals beherbergte – eine Erscheinung grauenvoller Art, die sich einen kleinen Jungen aussuchte, der mit seiner Mutter in einem Zimmer schlief und sie in seinem grenzenlosen Entsetzen weckte – sie weckte, nicht damit sie seine Angst zerstreute und ihn wieder in den Schlaf wiegte, sondern damit sie, noch ehe ihr das gelungen war, selbst dem Anblick ausgesetzt wurde, der ihn so bestürzt hatte. Es war diese Bemerkung, die Douglas – nicht sofort, sondern im Verlauf des Abends – eine Erwiderung entlockte, welche dann die denkwürdige Folge zeitigte, auf die ich die Aufmerksamkeit lenken möchte. Jemand aus unserem Kreis erzählte eine nicht sonderlich fesselnde Geschichte, der Douglas, wie ich merkte, gar nicht zuhörte. Darin sah ich ein Zeichen, dass er selbst etwas zum Besten zu geben hatte und dass wir nur zu warten brauchten. Tatsächlich mussten wir bis zum übernächsten Abend warten; aber noch am selben Abend, bevor wir auseinandergingen, deutete er an, was ihn beschäftigte.

»Ich räume – im Hinblick auf Griffins Geist oder was immer es war – durchaus ein, dass die Tatsache, dass er zunächst dem kleinen Jungen erschien, einem Kind in so zartem Alter, der Geschichte einen besonderen Reiz verleiht. Aber es ist nicht die erste mir bekannte Begebenheit dieser übersinnlichen Art, von der ein Kind betroffen ist. Und wenn schon das eine Kind die Spannung in die Höhe schraubt, was sagen Sie dann erst zuzwei Kindern …?«

»Selbstverständlich sagen wir«, rief jemand, »dass zwei Kinder die Spannung doppelt erhöhen! Und außerdem, dass wir Ihre Geschichte hören wollen.«

Ich sehe Douglas noch vor mir; er war aufgestanden, hatte sich mit dem Rücken zum Kamin gestellt und blickte, die Hände in den Taschen, auf den Sprecher hinunter. »Niemand außer mir hat sie bisher gehört. Sie ist einfach zu entsetzlich.« Natürlich erhoben sich sofort mehrere Stimmen, die erklärten, dass gerade das die Sache äußerst interessant mache, worauf unser Freund mit souveräner Gelassenheit seinen Triumph vorbereitete, indem er seinen Blick über uns hinweggleiten ließ und fortfuhr: »Sie übertrifft alles. Nichts, aber auch rein gar nichts, was ich kenne, reicht an sie heran.«

»Weil sie gar so schaurig ist?«, erinnere ich mich, gefragt zu haben.

Er schien sagen zu wollen, dass es so einfach nicht sei, schien wirklich nicht zu wissen, wie er sie charakterisieren sollte. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, verzog eine Sekunde lang das Gesicht zu einer zuckenden Grimasse. »Weil sie so grauen… so grauenvoll ist.«

»Ach wie köstlich!«, rief eine der Frauen.

Douglas schenkte ihr keine Beachtung; er blickte mich an, allerdings so, als sehe er nichtmich, sondern das, wovon e