: Salman Rushdie
: Quichotte Roman - deutschsprachige Ausgabe
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641255756
: 1
: CHF 2.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Salman Rushdie erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2023 »für seine Unbeugsamkeit, seine Lebensbejahung und dafür, dass er mit seiner Erzählfreude die Welt bereichert.« (Aus der Begründung der Jury)

Ismael Smile ist ein Reisender, der besessen ist von der »unwirklichen Wirklichkeit« des Fernsehens. Er will das Herz der Königin aller Talkshows erobern und begibt sich auf eine Reise quer durch Amerika, um sich ihrer als würdig zu erweisen. Auf dem Beifahrersitz, Sancho, der Sohn, den er sich immer gewünscht hat, aber niemals bekam.

Auf grandiose versetzt Bestsellerautor Salman Rushdie die Abenteuer des klassischen tragischen Helden Quichotte in unser Zeitalter des »Alles ist möglich«.

»Mit Cervantes durch die USA von heute: eine witzige und scharfsinnige Road-Novel.« DIE ZEIT

Salman Rushdie, 1947 in Bombay geboren, ging mit vierzehn Jahren nach England und studierte später in Cambridge Geschichte. Mit seinem Roman »Mitternachtskinder«, für den er den Booker Prize erhielt, wurde er weltberühmt. 1996 wurde ihm der Aristeion-Literaturpreis der EU für sein Gesamtwerk zuerkannt. 2007 schlug ihn Königin Elizabeth II. zum Ritter. 2022 ernannte ihn das deutsche PEN-Zentrum zum Ehrenmitglied. 2023 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

1. Kapitel


Quichotte, ein alter Mann, verliebt sich, begibt sich auf die Quest& wird Vater

Einstlebte an verschiedenenAdressen quer durch die VereinigtenStaaten von Amerika ein Reisender indischen Ursprungs, fortgeschrittenen Alters undmit schwindenden geistigen Kräften, der angesichts seiner Liebe zum geistlosenFernsehen viel zu viel Lebenszeit im gelben Licht von geschmacklosenMotelzimmern verbracht hatte, wo er es bis zum Exzess schaute,und der als Folge eine absonderliche Form des Hirnschadens davongetragenhatte. Er verschlang Morgenshows, Mittagsshows, Late-­Night-Talkshows, Soaps, Stand-up-Comedys, ­Lebenslinien, Kran­kenhausdramen,Polizeiserien, Vampir- und Zombie-Serien, die Dramen der Hausfrauen von Atlanta,New Jersey, Beverly Hills und New York, die Liebesgeschichten und Streitigkeiten von vermögenden-Hotel-Prinzessinnen und selbst ernannten Schahs, das Herumgetolle von Individuen, diedurch unbeschwerte Nacktheit berühmt wurden, die fünfzehn Minuten des Ruhms,der den jungen Leuten mit vielen Followern in den SocialMedia zuteilwurde, aufgrund ihrer Plastischen-Chirurgie-Errungenschaft einer dritten Brust oder ihrerPost-Rippenentfernungs-Figur, die die unmögliche Gestalt der Barbie-Puppe der Mattel Companynachahmte, oder sogar, einfacher, ihre Fähigkeit, einen gigantischen Karpfen inpittoresker Landschaft zu fangen, während sie nur den winzigsten String-Bikinianhatten; ebenso wie Gesangswettbewerbe, Kochwettbewerbe, Wettbewerbe für Geschäftsideen, Wettbewerbe umLehrstellen, Wettbewerbe zwischen ferngesteuerten Monsterfahrzeugen, Modewettbewerbe, Wettbewerbe um Zuneigung von Bachelors und Bacheloretten, Baseballspiele, Basketballspiele, Fußballspiele, Wrestlingkämpfe, Kickboxkämpfe, Extremsportprogramme und natürlich Schönheitswettbewerbe. (»Hockey« schaute er sichnicht an. Für Menschen seiner Ethnie und mit tropischer Jugendwar Hockey, das in Amerika in »Feldhockey« umbenannt wurde, einRasenspiel. Feldhockey auf Eis zu spielen war seiner Meinung nach das absurde Äquivalent von Schlittschuhlaufen auf einer Wiese.)

Als Konsequenz seiner nahezu totalen Beschäftigung mit dem Material, in früheren Zeiten ihm von Kathodenstrahl-Röhren dargeboten und heute von Flachbildschirmen, von Flüssigkristall-, Plasma- und organischen lichtemittierenden Diodenbildschirmen, wurde er zum Opfer dieser zunehmend vorherrschenden psychischen Erkrankung, bei der die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge scheckig wurde und verschwamm, sodass er manches Mal unfähig war, das eine vom anderen zu unterscheiden, die Realität von der »Realität«, und sich selbst als einen natürlichen Bürger (und potenziellen Bewohner) dieser imaginierten Welt hinter dem Bildschirm empfand, der er so zugetan war und die, wie er glaubte, ihm und somit jedem die moralischen, sozialen und praktischen Richtlinien vermittelte, mit denen alle Männer und Frauen leben sollten.

Als die Zeit verging und er immer tiefer im Treibsand dessen versank, was man das ­unreale Reale nennen könnte, fühlte er sich emotionalmit vielen Bewohnern dieser anderen, helleren Welt verbunden, ei