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11.März 2016
Kaum hatte Viktor seinen Laptop hochgefahren, da kam schon das Geräusch, auf das er gehofft hatte, jenes Geräusch, dass eine Nachricht in seinem Facebook-Account ankündigte. Eine Nachricht oder eine Freundschaftsanfrage, eigentlich egal. Für ihn führte das eine zum anderen. Er mochte die Anonymität des Internets. Man konnte sich ungehemmt ausleben. Es gab genügend dumme Weiber, die sich auf einen Flirt im Internet einließen. Er hatte schon eine ansehnliche Anzahl an Frauen in seinem Account gesammelt. Da fiel die Auswahl schwer, und oft verbrachte er Stunden am Computer, in denen er sich mit einigen dieser „Freundinnen“ austauschte. Ein großartiger Zeitvertreib, wie er fand, und seinem Selbstwertgefühl kam es zugute. Doch es hatte noch einen anderen Grund, weshalb er diesen Facebook-Account brauchte: Sein Chef schrieb ihm hier häufig.
Selbstverständlich hatte er sein Profil ein wenig bearbeitet. Das war heutzutage im Internet ja alles kein Problem mehr; ein wenig Unschärfe hier, ein bisschen vollere Haare und das Gesicht etwas verschmälern, schon sah ihm ein recht attraktiver Mann entgegen, der dennoch irgendwie er selbst war.. Wenn er hier eines Tages wirklich die Frau seines Lebens kennenlernen sollte, würde es sich für ihn gelohnt haben.
Er war noch keine vierzig Jahre alt, doch sein Haar lichtete sich bereits. Auch war er wesentlich zu kräftig und unsportlich, sodass seine Haut schlaff und schwammig wirkte. Aber er war groß und gab daher eine eindrucksvolle Erscheinung ab – so meinte er zumindest. Und nicht nur das, er war stark. Bevor er krank wurde, hatte er sich in so manchem Hinterhof mit ehemaligen Kollegen Boxkämpfe geliefert. Einmal war es schlecht ausgegangen. Nicht für ihn, sondern für den armen Kerl, der ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Viktor hatte ihm das Jochbein zertrümmert, das waren noch schöne Zeiten. Viktor selbst hatte nur eine Narbe davongetragen. Eine Narbe unter dem linken Auge und ein leichtes Nervenzucken.
Er sah erneut auf den Bildschirm und grinste. Wieder eine Freundschaftsanfrage und täglich kamen einige neue hinzu. Was würde sein Boss nun dazu sagen?
Er öffnete die neueste Nachricht:Hey Nick.Gerne würde ich mit dir befreundet sein.Ich habe gesehen, du wohnst auch in Frankfurt, das trifft sich gut, ich bin neu hier.Eigentlich bin ich Polin, doch bin ich in Deutschland aufgewachsen, und nun suche ich hier einen Job, möglichst in einem Maklerbüro, bin nämlich Immobilienfachfrau, musst du wissen, verzeih, wenn ich so viel plaudere, aber die Jobsuche beschäftigt mich zur Zeit einfach sehr.
Viktor lehnte sich in seinem Sessel zurück und klickte die Bilder von Irina an. Eine attraktive Schwarzhaarige. Interessantes Profil, das musste er zugeben, so eine würde sich niemals für ihn interes