Konzentriert steuere ich den Wagen über die einsamen Landstraßen. An der Landschaft merke ich, dass ich im Osten bin.
Eigentlich sind die Straßen und die Schilder keine anderen als im Westen. Trotzdem fühlt es sich minimalistischer an und die Luft riecht muffig und verbraucht, wenn ich meine Augen für einen Moment schließe.
Es ist nicht schwer, einen Fiat Panda aus den Neunzigern zu knacken und kurzzuschließen. In einem Fiat Panda gibt es nicht allzu viel Technik, er ähnelt einem blechernen Karton. Dieser hier hat noch nicht einmal ein Radio, dafür Allradantrieb und extrabreite Reifen. Außerdem ist er ein gutes Stück höher gelegt – wie ein Geländewagen- und in der Bundeswehrtarnfarbe dunkelgrün lackiert. Solch einer wird von Jägern, Landwirten, Rentnern und Künstlern gefahren. Vielleicht brauchen Künstler keine Musik, weil die Musik in ihren Köpfen ausreicht.
Ich bin ein Überlebenskünstler. Im besten Falle. Das monotone Rauschen des Motors macht mich wahnsinnig.Januar, Februar, März, April … die Jahresuhr steht niemals still …
Unmelodisch summe ich ein altes Kinderlied vor mich hin und habe keinen blassen Schimmer, woher ich es kenne.
Es ist Mai, glaube ich, und trete das Gaspedal ein kleines bisschen fester durch. Bäume rauschen an mir vorüber, als hätten sie ein Eigenleben. Als würden sie vor irgendetwas fliehen, das hinter ihnen liegt und weit vor mir. Fast so, als würde ich einfach so dasitzen in einem Glaskasten, meinem Kokon, und tatenlos meine Umwelt beobachten, ohne mich fortzubewegen.
Es ist kalt für Mai, doch das interessiert mich herzlich wenig. Ich sollte mich zusammenreißen, damit ich nicht einnicke in der tristen Monotonie regennasser, dörflicher Landstraßen. Um mich wachzuhalten, fummele ich an den Fensterhebern herum. Endlich gelingt es mir, das Fenster zu öffnen und ein paar kühle Tropfen küssen meine Stirn.
Ich habe Schwerin hinter mir gelassen, ohne die Autobahn zu benutzen. Das war gar nicht so einfach ohne Navi, Handy mit Google Maps oder altmodische Karte. Solch eine hat im Handschuhfach gelegen, leider eine russische. Jetzt liegt sie irgendwo hinter Lübeck auf der Straße, weil ich sie vor Wut und Enttäuschung weggeworfen habe. Vielleicht sind ein paar LKW darüber hinweggerauscht oder irgendein ausgesetzter Hund hat drauf gepullert.
Ein bisschen ärgere ich mich, sie weggeworfen zu haben. Immerhin hätte ich es bis nach Russland schaffen können. In ein paar Tagen wäre ich vielleicht dort gewesen. Russland liegt in der Ferne. Und die Ferne ist mein Ziel. Ich fahre fort. Von mir. Ein Tapetenwechsel kann manchmal guttun, sagt man. Für mich bedeutet es mehr als das.
Ein geklautes Auto über die Autobahn zu lenken, birgt ein gewisses Risiko. Cambs, Dobin, Bibow und Warin steht auf den Schildern, die an mir vorüberrauschen. Die Ortsnamen klingen wie Figuren aus der Sesamstraße. Dazwischen reihen sich Wiesen und Wälder nahtlos aneinander. Ab und zu unterbrechen kleine Ansammlungen von Häusern die flache Landschaft. Zwei oder drei Tankstellen passiere ich, ohne anzuhalten. Natürlich weiß ich, dass so eine Tankfüllung nicht ewig hält. Außerdem werde ich irgendwann etwas essen müssen. Obwo