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Gegen Ende der Regentschaft Königin Victorias …
Mitternacht auf einem nebelverhangenen Friedhof. Es gibt bestimmt keinen düstereren Ort auf der Welt, dachte Annie Petrie.
Ihr fröstelte und sie zog ihren Mantel enger um sich. Noch nie in ihrem Leben hatte sie größere Angst gehabt. Doch die Gerüchte, die sich um den Mann rankten, den sie hier zu treffen hoffte, besagten eines ganz eindeutig. Eine Begegnung mit ihm fand zu der Zeit und an dem Ort statt, die er bestimmte. Oder gar nicht.
Annie hatte bestimmt hundertmal an diesem Tag ihre Meinung darüber geändert, ob sie überhaupt hierher kommen sollte. Seit sie heute Morgen aufgewacht war und die Notiz auf ihrem Nachttisch entdeckt hatte, war sie das reinste Nervenbündel.
Mit zitternden Fingern hatte sie den Zettel genommen, erschüttert, dass er ihr Zimmer unbemerkt mitten in der Nacht betreten hatte. Irgendwie hatte er ihre verschlossenen Türen und Fensterläden überwunden, und sie hatte nicht das leiseste Geräusch gehört oder seine Anwesenheit irgendwie wahrgenommen. Es kam ihr vor, als hätte ein Geist ihr einen Besuch abgestattet.
Schließlich hatte sie sich so weit wieder beruhigt, dass sie die Nachricht auf dem Zettel lesen konnte. Sie bestand aus einer einfachen Liste mit Anweisungen. Annie war sich darüber klar, dass sie nie wieder würde ruhig schlafen können, solange sie nicht einige Antworten bekommen hatte, also befolgte sie die Instruktionen auf der Liste Punkt für Punkt.
Eine Weisung forderte sie auf, das Licht der Laterne abzuschwächen, sobald sie durch das Tor des Friedhofs getreten war. Jetzt strahlte sie nur noch ein schwaches Schimmern aus, das von dem unheimlichen Nebel reflektiert wurde. Die düsteren Umrisse von Grabsteinen, Krypten und Monumenten ragten aus dem feuchten Dunkel auf.
Annie musste ihre gesamte Willenskraft aufbringen, um weiterzugehen. Du bist so weit gekommen, sagte sie sich, da wirst du doch jetzt nicht aufgeben! Es war immerhin der letzte Liebesdienst, den sie der armen Nellie erweisen konnte.
»Guten Abend, Mrs. Petrie.«
Die Stimme, die aus dem offenen Portal einer Krypta unmittelbar in ihrer Nähe drang, wirkte ebenso dunkel und bedrohlich wie der Friedhof. Annie erstarrte. Sie konnte vor Entsetzen nicht schreien, geschweige denn die Flucht ergreifen.
Ihr schoss der Gedanke durch den Kopf, dass die Stimme gebildet klang, wie die eines Gentlemans. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund jedoch vergrößerte dieser Gedanke ihre Angst noch. Immerhin gelang es ihr, sich aus der Erstarrung zu lösen und sich langsam umzuwenden. Sie bemühte sich, den Mann in den Schatten zu erkennen, doch das gedämpfte Licht der Laterne reichte nicht bis in die eisig