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Zwei Monate später …
Er war der Mann, auf den sie gewartet hatte, der Liebhaber, der vom Schicksal bestimmt war, sie zu entehren. Doch vorher wollte sie ihn erst noch fotografieren.
»Nein«, sagte Gabriel Jones. Er durchquerte die elegant eingerichtete Bibliothek, griff die Brandykaraffe und schenkte daraus großzügig zwei Gläser ein. »Ich habe Sie nicht hierher nach Arcane House geholt, damit Sie mich fotografieren, Miss Milton. Ich habe Sie engagiert, um die Raritätensammlung der Gesellschaft zu fotografieren. Ich mag Ihnen greisenhaft erscheinen, aber ich persönlich betrachte mich nur ungern bereits als Antiquität.«
Gabriel war beileibe kein altes Relikt, dachte Venetia. Um genau zu sein, strahlte er die Kraft und das Selbstvertrauen eines Mannes in der Blüte seiner Jahre aus. Er wirkte wie geschaffen dafür, ihr Herz im Sturm zu erobern und in ihr das lodernde Feuer verbotener Leidenschaft zu entfachen.
Sie hatte lange genug gewartet, um den richtigen Mann für diese Aufgabe zu finden, fand sie. In den Augen der besseren Gesellschaft hatte sie bereits die Altersgrenze überschritten, in der sich eine Lady berechtigterweise Hoffnungen machen konnte, einen Heiratsantrag zu erhalten. Die Verpflichtungen, die ihr vor anderthalb Jahren aufgebürdet worden waren, nachdem ihre Eltern bei einem Eisenbahnunglück ums Leben gekommen waren, hatten ihr Schicksal besiegelt. Nur wenige ehrenwerte Gentlemen waren erpicht darauf, eine Frau Ende zwanzig zur Gemahlin zu nehmen, noch dazu eine Frau, die für den Lebensunterhalt von zwei Geschwistern und einer unverheirateten Tante aufkommen musste. Doch angesichts der Umtriebe ihres Vaters zweifelte sie sowieso stark an der Institution der Ehe.
Allerdings wollte sie nicht irgendwann ihren letzten Atemzug tun, ohne je echte körperliche Leidenschaft erlebt zu haben. Eine Lady in ihrer Situation hatte das Recht, ihre eigene Entehrung zu arrangieren, fand Venetia.
Das Unterfangen, Gabriel zu verführen, hatte sich als eine ausgesprochene Herausforderung erwiesen, da sie über keinerlei praktische Erfahrung in diesen Angelegenheiten verfügte. Selbstverständlich hatte es über die Jahre hier und da ein paar unbedeutende Flirts gegeben, doch keiner davon hatte zu mehr als ein paar harmlosen Küssen geführt.
Um ehrlich zu sein, war ihr noch kein Mann begegnet, der das Risiko einer verbotenen Romanze wert gewesen wäre. Nach dem Tod ihrer Eltern war die Notwendigkeit, jeden Skandal zu vermeiden, sogar noch zwingender geworden. Die finanzielle Sicherheit ihrer Familie hing einzig und allein von ihrer Karriere als Fotografin ab. Die durfte sie um keinen Preis in Gefahr bringen.
Doch diese verzauberten zwei Wochen in Arcane House waren ihr buchstäblich in den Schoß gefallen; ein gänzlich unerwartetes Geschenk.
Es war ganz zufällig dazu gekommen, erinnerte sie sich.
Ein Mitglied der g