KAPITEL 2
Üblicherweise ging Kjell Loewenthal mindestens dreimal in der Woche joggen, und das vorzugsweise abends. Er war irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass die Zeit nach der Sprechstunde und dem letzten Hausbesuch sich bestens dafür eignete. Zum gemeinsamen Abendessen mit seiner Frau war er dann frisch geduscht und hatte den Stress des Tages hinter sich gelassen. Hin und wieder jedoch trieb es ihn schon in aller Frühe aus dem Bett. Wahrscheinlich waren diese Energieschübe ein Überbleibsel aus seiner Zeit als Elitesoldat, eine andere Erklärung dafür fand Kjell nicht. An diesen Tagen drückte er seiner schlafenden Frau einen Kuss auf die Stirn, vorsichtig, um sie ja nicht zu wecken, zog sich Sportsachen an, schlüpfte in seine Laufschuhe und rannte los.
Heute war so ein Tag. Die Sonne war gerade aufgegangen und die meisten Menschen lagen wahrscheinlich noch friedlich in ihren Betten. Es war noch nicht einmal sechs Uhr. Selbst für seine Mutter, die gerne direkt nach dem Aufstehen ihre Runden drehte, war das noch mindestens eine halbe Stunde zu früh. Kjell lief eine seiner Lieblingsstrecken, für die er, über den Daumen gepeilt, fünfundvierzig Minuten brauchte. Er machte ein paar Dehnübungen und schlug in gemächlicherem Tempo den Weg nach Hause ein. Als er auf den Feldweg einbog, der zurück nach Lunau führte, erspähte er plötzlich Rafael, der regungslos an einem Baumstamm lehnte und in die Weite der Heide starrte, so sah es jedenfalls aus. Während Kjell näher kam, räusperte er sich laut. Rafael wandte den Kopf und sah ihm entgegen.
„Moin, Doktor!“
„Guten Morgen! Was hat dich denn so früh aus den Federn getrieben?“
„Nichts. War nur früh wach“, kam die knappe Antwort. „Sehr früh, um genau zu sein.“
„Kann ich dir irgendwie …“
„Nein, kannst du nicht“, unterbrach Rafael ihn, sah ihn ein weiteres Mal kurz an und ließ dann den Blick wieder über die Landschaft streifen.
Wortlos blieb Kjell stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. Er kannte Rafael schon sein ganzes Leben lang, und wenn sein Freund so reglos dastand und mit auffallend düsterer Miene vor sich hinstarrte, war etwas ganz und gar nicht in Ordnung, soviel war klar. „Was hältst du von Kaffee?“, fragte er und setzte ein Grinsen auf. „Ich würde nur schnell unter die Dusche springen und …“
„Danke, nein.“
„Okay, also kein Kaffee.“
„Nein, verdammt! Kann man hier denn nirgends seine Ruhe haben?“
„Hat Lu dich geärgert?“
Rafaels Kopf schoss herum. „Wie kommst du denn jetzt auf Lu, zum Teufel?“
„Hm, das liegt doch auf der Hand. Ich meine, wir wissen doch alle, dass die Kleine ein ganz schön harter Brocken sein kann. Und du bist schließlich gerade dabei …“
„Ja, ich weiß!“, schnitt Rafael ihm erneut das Wort ab. „Ich schlage gerade ihr ganzes schönes Leben kaputt! Wenn das keine Imagepflege ist, was! Tu mir den Gefallen und halte einfach die Schnauze, okay!“
Auch wenn Rafaels Ausbruch heftig war, blieb Kjell äußerlich gelassen. „Dreh hier nicht am Rad, verstanden? Du sprichst mit mir, deinem ältesten Freund, kapiert?“
Sekundenlang blieb es still, nur das übliche Morgenkonzert der Vögel erklang, und irgendwo in der Ferne blökten Heidschnucken.
„Tut mir leid“, sagte Rafael endlich und holte tief L