KAPITEL 1
Ein ruhiges und normales Leben. Vor allem das war es, wonach Kjell Loewenthal sich aus tiefstem Herzen sehnte.
Endlich ein Leben ohne nervenaufreibende Aufträge, ohne lebensbedrohliche Situationen und ohne die zermürbenden Trainingseinheiten, die für den Job, den er in den vergangenen Jahren erledigt hatte, so unabdingbar gewesen waren.
Wie war er da nur hineingeraten? Besonders in den letzten Monaten hatte er sich diese Frage immer häufiger gestellt. Das Medizinstudium bei der Bundeswehr allein wäre ja noch in Ordnung gewesen, doch irgendwann hatte ihn der Teufel geritten.
Die Arbeit als Schiffsarzt auf einer Fregatte brachte ihm nicht die Erfüllung, die er sich einst für sein Berufsleben gewünscht hatte, und so war er nach einer zusätzlichen harten Ausbildung schließlich bei einer Eliteeinheit gelandet. Auch das war eine Geschichte, die er nun hinter sich lassen konnte. Seine Dienstzeit bei der Marine war endgültig vorbei. Nach siebzehn langen Jahren war aus dem Oberstabsarzt und Elitesoldaten Dr. Kjell Loewenthal nun wieder ein Zivilist geworden, ein ganz normaler Arzt, der sich auf eine eigene Praxis in seinem beschaulichen Heimatdorf in der Lüneburger Heide freute.
In den vergangenen Jahren war er nicht sehr oft in Lunau gewesen. Ab und zu hatte er es zwar geschafft, über Weihnachten zu Hause zu sein, aber schon nach wenigen Tagen hieß es dann wieder Abschied nehmen. Nicht nur seine Mutter litt unter den ständigen Trennungen, auch er hatte mit der Zeit immer stärker das manchmal quälende Gefühl von Heimweh bei sich bemerkt.
Zufrieden lächelte er in sich hinein, als er in Bispingen die Autobahn verließ, um über eine wenig befahrene Landstraße sein geliebtes Lunau anzusteuern, ein Dorf, das mit knapp siebenhundert Einwohnern seinen Platz im Herzen der Lüneburger Heide hatte. Ein neues Leben lag vor ihm, und er konnte es kaum erwarten, endlich damit zu beginnen.
„Sieh dir das an, Siggi“, sagte er. Kjell fuhr rechts ran und warf einen Blick auf die Rückbank und in die Sicherheitsschale, die dort an einem der Gurte befestigt war. Sein Hund, Sigmund Freud, eine zottelige silbergraue Promenadenmischung, nicht viel größer als ein Zwergpudel, hob kurz den Kopf, nur um sich gleich wieder grunzend zusammenzurollen und die Augen zu schließen. Kjell grinste und gab Gas. „Du bist wirklich eine ignorante Schlafmütze, mein Lieber.“
Die Touristeninformationstafel direkt hinter dem Ortseingang war erneuert worden, stellte er erfreut fest. Die Schrift auf dem alten Schild war verblasst gewesen, als er Lunau das letzte Mal besucht hatte, doch nun konnte jeder Besucher auf Anhieb erkennen, in welche Richtung er fahren musste, wenn er zum Beispiel zum Gutshof, zum Feriendorf oder in den kleinen Ortskern wollte. Es gab sogar einen Hinweis auf das Buchladen-Café seiner Mutter, der auf der alten Tafel gefehlt hatte.
Kjell lächelte erneut. Am Telefon hatte Christa ihm freudig davon berichtet, dass sie die Café-Ecke in ihrem Geschäft ein wenig erweitert hatte. Die Kombination aus Buchladen und gemütlichem Café kam offenbar nicht nur bei den Touristen und Ausflüglern gut an, sondern hatte sich mit der Zeit auch zum Treffpunkt einiger Lunauer entwickelt.
Bewusst langsam bog er auf die Hauptstraße des Dorfes ein. Vorbei an der kleinen Grundschule, den vertrauten Geschäften und dem Landgasthof, der schon seit Jahren verlassen war, folgte er dem Straßenverlauf bis hin zum Dorfplatz. Hier wurde die Fahrbahn schmaler, gabelte sich, führte auf beiden Seiten um den Platz herum und danach an der einzigen Kirche von Lunau vorbei. Die Straße rechts b