KAPITEL 1
Philip von Hoven war ein Mann voller Gegensätze, doch nur sehr wenige wussten um die Widersprüchlichkeiten, mit denen er oft zu kämpfen hatte.
Auf den ersten Blick vermittelte er vor allem Integrität und Zuverlässigkeit. Seine attraktive und stets gepflegte Erscheinung entsprach in jeder Weise seiner adligen Herkunft und der entsprechend strengen Erziehung, die er – – besonders in den ersten Jahren seiner Kindheit – erfahren hatte. Oberflächlich betrachtet war es leicht, mit Philip auszukommen; üblicherweise zeigte er sich seinen Mitmenschen gegenüber ausgesucht höflich, interessiert und zugewandt. So brachten Geschlechtsgenossen ihm zumeist Bewunderung und Achtung entgegen und Frauen schmolzen regelrecht dahin, sobald er sich ihnen zuwandte – als ob sie die wilde Leidenschaft erahnten, die unter seiner makellosen Oberfläche brodelte. Sie hingen an seinen Lippen, sahen in ihm aber auch, wohl nicht zuletzt wegen seines Adelstitels, schnell den potenziellen Ehemann. Auch damit wusste er umzugehen, ohne jemals eine einzige von ihnen vor den Kopf gestoßen oder gar unglücklich zurückgelassen zu haben.
Pflichtgefühl und die fest verankerte Bereitschaft zur Gewissenhaftigkeit waren Eigenschaften, die ihm praktisch in die Wiege gelegt worden waren. Seinen Beruf als Drehbuchautor sah er allerdings eher als Berufung, denn als Arbeit an. Für seine Talente war er dankbar und nutzte sie, wann immer es erforderlich wurde. Durch wenige wohl gesetzte Worte und Gesten gelang es Philip, auch sein berufliches Umfeld zu beeindrucken und Kompetenz zu vermitteln. Seine Ausdrucksweise schien zwar ein wenig aus der Mode gekommen zu sein, doch nicht selten ließ gerade das seine Zuhörer überrascht aufhorchen. Dessen war er sich bewusst. Auch wenn er einige Traditionen sehr zu schätzen wusste, war er im Grunde ein modern denkender Mann, der selbstsichere Frauen bewunderte und durchaus in der Lage war, sich seine eigenen Schwächen einzugestehen. Vielleicht lag all dies auch daran, dass er überwiegend bei seinem Großvater auf einem Landgut aufgewachsen war, nachdem seine Eltern sich praktisch über Nacht aus einem Leben zurückgezogen hatten. Als seine Mutter ihn und seinen Vater verließ, war Philip noch ein Kind gewesen, und dieser Verlust hatte ihn wohl mehr geprägt als jede andere Erfahrung in seinem Leben.
In Wahrheit war Philip nämlich nicht ganz so selbstsicher, wie er sich gern präsentierte. Viel zu oft fühlte er sich zerrissen, manchmal sogar eingeengt. So als hätte man ihn in eine Form gepresst, in die er eigentlich nicht recht passen wollte. Eine seltsame Unruhe tobte dann und wann in ihm, wie ein feuriger Sturm, der seine Seele durchrüttelte und seine Grundfesten ins Wanken zu bringen drohte. Es schien, als würde noch ein anderer Mann, ein anderer Philip von Hoven, tief in seinem Inneren schlummern und nur darauf warten, dass endlich etwas Einschneidendes passierte, um ihn unwiderruflich aufzuwecken.
Nach einigen Jahren, die er aus beruflichen Gründen in den USA verbracht hatte, war er nun seit zwei Tagen wieder zurück in Lunau, dem Dorf seiner Kindheit und Jugend, und es kam Philip schon jetzt so vor, als wäre er niemals fort gewesen. Soeben hatte er das Gutshaus verlassen, um eine liebe Freundin zu besuchen, doch kurz bevor er sich endgültig auf den Weg machte, drehte er sich noch einmal um und ließ nachdenklich seinen Blick über das Gebäude schweifen Die Rückkehr in die Lüneburger Heide und auf das Gut bedeutete jedoch nicht nur die Wiederbelebung eines tiefverwurzelten Heimatgefühls, sondern auch jede Menge Verantwortung für ihn. Ein schwerer Atemzug entglitt ihm und sei