Prolog
Meine liebe Fürstin Fennis,
wir sind schon viel zu lange befreundet, als dass ich zurückhaltend sein müsste. Wie Ihr so zart angedeutet habt, sind mir in der Tat niederschmetternde Neuigkeiten hinterbracht worden. Mein Stiefsohn, Prinz Chivalric, hat sich als der ungehobelte Geselle erwiesen, den ich schon immer in ihm vermutet habe. Sein Bastard, den er mit einer Berghure gezeugt hat, ist ans Licht gekommen.
So beschämend das auch ist, man hätte weit diskreter damit umgehen können, wenn sein Bruder, Prinz Veritas, der ungefähr so schlau wie ein Steinklotz ist, rasch und entschieden gehandelt hätte, um den Schandfleck auszumerzen. Stattdessen hat er meinem Mann in einer taktlosen Botschaft von ihm berichtet.
Und was tut mein Gebieter angesichts dieses schmählichen Verhaltens? Nun, er besteht nicht nur darauf, den Bastard nach Bocksburg zu holen, sondern überträgt Chivalric die Rechte an Weidenhag und lässt ihn mit seiner linkischen unfruchtbaren Frau dort sein Gnadenbrot empfangen. Weidenhag! Ein stattliches Gut, das manch einer meiner Freunde gern besitzen würde, und er belohnt damit seinen Sohn dafür, dass er mit einer Ausländerin niederen Standes einen Bastard gezeugt hat. König Listenreich hält es auch nicht für geschmacklos, dass besagter Bastard mittlerweile hierher nach Bocksburg gebracht worden ist, wo jedes Mitglied meines Hofstaats diesen kleinen Wilden aus den Bergen sehen kann.
Und was setzt allen Kränkungen, die meinem Sohn und mir widerfahren sind, die Krone auf? Der König hat verkünden lassen, dass Prinz Veritas nun den Titel eines Königs-zur-Rechten annehmen und der nächste Thronfolger sein wird. Als Chivalric den Anstand besaß, angesichts seiner Schande auf seinen Anspruch zu verzichten, freute ich mich insgeheim, da ich glaubte, dass Edel nun sogleich als künftiger König anerkannt werden würde. Er mag ja jünger sein als seine beiden Halbbrüder, aber niemand kann bestreiten, dass er vornehmere Vorfahren hat und sein Auftreten seinem Namen alle Ehre macht.
Ich bin an diesen Ort wahrlich verschwendet – genau wie mein Sohn Edel. Als ich meine eigene Herrschaft und meine Titel aufgab, um Listenreichs Königin zu werden, geschah das in dem Glauben, dass jedes Kind, das ich ihm gebar, als von weit besserer Abstammung gelten würde als die beiden unbesonnenen Knaben, die seine vorherige Königin ihm geschenkt hat, und nach ihm regieren würde. Aber sieht er jetzt Chivalric an und räumt ein, dass es ein Fehler war, ihn zu seinem Erben zu ernennen? Nein. Wenn er ihn zurücksetzt, so nur, um seinen tölpelhaften jüngeren Bruder zum König-zur-Rechten zu machen. Der ungeschlachte Veritas mit seinem derben Gesicht und der Anmut eines Ochsen!
Es ist zu viel, meine Liebe. Zu viel, als dass ich es ertragen könnte. Ich würde dem Hof den Rücken kehren, wenn das nicht zugleich hieße, Edel ohne Verteidiger hier zurückzulassen.
Brief von Königin Desideria an Fürstin Fennis von Tilth
Als ich ein Junge war, hasste ich sie. Ich erinnere mich noch, wie ich damals dieses Schreiben fand, unvollendet und nie abgeschickt. Ich las es und fand darin die Bestätigung, dass die Königin, der ich nie offiziell vorgestellt worden war, mich tatsächlich schon hasste, seit sie von mir erfahren hatte. Es beruhte auf Gegenseitigkeit. Ich fragte Chade nie, wie er an den Brief gekommen war. Da er selbst ein Bastard und König Listenreichs Halbbruder war, hatte Chade stets ohne Zögern im Interesse des Weitseherthrons gehandelt. Vielleicht hatte er den Brief in der Absicht vom Schreibtisch der Königin entwendet, es so aussehen zu lassen, als hätte sie Fürstin Fennis nicht die schuldige Achtung erwiesen, indem sie ihren Brief unbeantwortet ließ. Spielt das heute noch eine Rolle? Ich weiß nicht, was mein alter Mentor mit seinem Diebstahl bezweckte. Doch manchmal frage ich mich, ob es ein Zufall war, dass ich Königin Desiderias Brief fand und las, oder eine gezielte Enthüllung. Chade war in jenen Tagen mein Lehrmeister und unterwies mich in der Kunst der Assassinen. Er diente seinem König skrupellos als Meuchelmörder, Spion und Ränkeschmied in Bocksburg und brachte mir bei, dasselbe zu tun. Ein königlicher Bastard, so lehrte er mich, ist bei Hofe nur so lange sicher, wie er nützlich ist. Nach außen hin war ich ein uneheliches Kind niederer Abkunft und suchte mir, missachtet oder verhasst, ein