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Mit dem Daumen der rechten Hand fuhr Baumann gedankenverloren über das Geländer. An einigen Stellen brach der spröde Lack ab und er sah den blauen Flocken dabei zu, wie sie taumelnd in den Innenhof schneiten. Er wollte den letzten Schluck Kaffee nehmen. Erst, als er die Tasse schon an die Lippen gehoben hatte, merkte er, dass sie bereits leer war.
Die Frau mit dem Tattoo würde wohl nicht mehr kommen. Er ließ den Blick über die Wohnungstüren auf der gegenüberliegenden Seite streifen. Er wusste nicht einmal, in welchem Appartement sie wohnte.
Die Hälfte seiner Zeit in New Orleans war zwar inzwischen vorbei. Letzten Sommer hatte er sich noch vorgestellt, bis jetzt, Mitte Februar, den größten Teil, vielleicht sogar schon eine erste Gesamtfassung seines Romans fertig zu haben. Aber auf der anderen Seite hieß das auch, dass noch weitere sechs Monate vor ihm lagen. Fünf, um genau zu sein. Wenn er sich Mühe gab, war es noch zu schaffen, dachte er. Auf jeden Fall war es an der Zeit, dass er sich auf den Weg machte.
»Jetzt wird’s«, murmelte er versonnen und musste lächeln.
Er drehte sich um und ging die zwei Schritte zur Wohnungstüre. Seine Hand fuhr in die Tasche der dunklen Leinenhose, um den Schlüssel herauszuholen. Doch er griff nur den groben Stoff. Und noch bevor er versuchsweise die andere Hosentasche ausprobierte, wusste er, dass er den Schlüssel in der Wohnung liegen gelassen hatte. Auch das Rütteln an der Türe, die natürlich gleich bei seinem Hinaustreten ins Schloss gefallen war, war nur etwas, das man eben tat, wenn man den Schlüssel vergessen hatte.
Baumann sah auf seine Armbanduhr. Kurz nach elf. Das Flugzeug seiner Frau würde um sechs Uhr landen,post meridiem. Wenn es keine Verspätung gab, würde sie ungefähr eine Stunde später zu Hause sein. Er hatte also sieben Stunden vor sich, die er nun im Freien verbringen musste.
In der rechten Hosentasche war zwar kein Schlüssel, aber seine Hand förderte neben etwas Kleingeld auch einige zerknüllte Dollarscheine hervor. Er ließ die Münzen zurückfallen, strich die Scheine glatt, so gut es eben ging, und zählte sie. Da die Dollarscheine alle gleich groß waren, ganz egal welchen Wert sie hatten, musste er sich dabei immer ein bisschen mehr konzentrieren.
Er hatte alles in allem vierundzwanzig Dollar und ein bisschen Kleingeld. Die Kosten für das Straßenbahnticket abgezogen blieben ihm also gut zwanzig Dollar für das Notizbuch. Natürlich nur, wenn er das Mittagessen ausfallen ließ.
»Wieder einmal Glück gehabt.« Baumann sprach diesen Satz gegen die geschlossene Wohnungstüre. Er stellte den Kaffeebecher vor die Türe und ging Richtung Treppe.
Beim Hinabgehen überlegte Baumann, ob Pete wohl einen Zentralschlüssel für alle Wohnungen besaß. Er vermutete, dass dem so war. Aber er konnte Pete nirgends sehen und hatte keine Lust, darauf zu warten, dass er irgendwann um eine Ecke biegen würde.
Der Wohnkomplex war von einem drei Meter hohen Zaun eingefasst, durch dessen Tor Baumann hindurchtrat, um auf die Straße zu gelangen. Als es in seinem Rücken schepperte, wurde ihm klar, dass das nun schon die zweite Türe an diesem Tag war, die hinter ihm ins Schloss fiel.
Der Stadtteil, in dem sie wohnten, hieß schlichtUp