PROLOG
Kriminalkommissar Pascal Talon saß in seinem Büro im Hôtel de Police in Saint-Pierre und korrigierte missmutig die Einsatzpläne seines Teams für die nächsten Tage. Der bevorstehende Vulkanausbruch auf La Réunion hatte seine Planung wieder einmal durcheinandergeworfen, da die meisten seiner Mitarbeiter der Gendarmerie angehörten und somit ebenfalls für die Sicherheit des Départements zuständig waren.
Sergent Pierre-Eric Bonnard betrat das Büro nach kurzem Anklopfen. »Mon Commandant, wir müssen sofort los zum Piton de la Fournaise. Dort wurde gerade eine Leiche gefunden.« Aus seinen jungen Augen leuchtete die Abenteuerlust.
»Wir sollen auf den Piton? Das Ding kann jeden Moment ausbrechen!«, sagte Talon entrüstet. »Sollte es schon letzte Nacht.«
»Im Observatorium meinen sie, in den nächsten Stunden wird er nicht ausbrechen. Frühestens am späten Nachmittag. Die Vulkanologen sind es auch, die den Toten entdeckt haben.«
»Ein neugieriger Tourist wahrscheinlich? Verdammt, es ist doch alles abgesperrt!« Gelegentlich wurden erfrorene oder dehydrierte Wanderer gefunden, die vom Weg abgekommen waren. Normalerweise mussten die Mitarbeiter der Kriminalpolizei deshalb jedoch nicht auf den Vulkan steigen.
»Kein Tourist, sondern der Leiter des Observatoriums. Hat wohl eine schwere Kopfverletzung. Und bei seiner Bedeutung auf der Insel …«
»Xavier Lefèvre?«, unterbrach ihn Talon ungläubig.
»Kennen Sie ihn persönlich?«
»Ich kenne seine Frau.« Er verzog grimmig das Gesicht. »Flüchtig.«
»Seine Frau hat heute Morgen bei der Wache in Le Tampon angerufen und wollte ihn als vermisst melden, weil er nachts nicht nach Hause gekommen ist. Aber nach zwölf Stunden Abwesenheit ist es für eine Vermisstenmeldung ja noch zu früh. Offenbar hat sie danach seine Kollegen alarmiert. Die haben mit dem Rettungshubschrauber nach ihm gesucht und ihn leblos an der Südflanke des Vulkans gefunden. Einer der Vulkanologen hat die Polizei benachrichtigt. Und da Xavier Lefèvre nicht irgendwer ist, wurde Général Delaborde informiert, und der hat entschieden, dass die Kriminalpolizei sich das vor Ort ansehen soll.«
Talon erhob sich und betrachtete verdrossen seine eleganten Halbschuhe aus poliertem Leder. »Soll ich damit etwa auf den Piton klettern?«
»Sie können sich Stiefel von einem der Gendarme ausborgen«, bot Pierre-Eric beflissen an.
»Nicht nötig«, knurrte Talon. »Zufällig hab ich welche in meinem Spind, zusammen mit meiner Uniform. Wo genau liegt die Leiche?«
Der Sergent trat an die Landkarte der Insel Réunion, die an der Wand hing und fuhr suchend mit dem Finger über das Gebiet des Piton de la Fournaise. Er tippte auf eine Stelle südlich des Hauptkraters.
»Hier, glaube ich. So in etwa.«
Der Kommissar ahnte Arges. »Und bis wohin führt die Straße?«
»Äh … bis hier. Ungefähr vier Kilometer entfernt.«
Talon fluchte leise. »Wir nehmen den Helikopter«, entschied er. Die Sachlage rechtfertigte dies vollkommen. »Wo treffen wir den Vulkanologen, der uns den Weg zeigt?«
»Ich habe ihm gesagt, dass Sie ihn zurückrufen und das mit ihm besprechen,mon Commandant.« Pierre-Eric hielt ihm einen Zettel mit einer Handynummer hin.
»Na schön, ich rufe den gleich an.« Talon stürzte seinen lauwarm gewordenen Kaffee in einem Zug hinunter. »Verständigen Sie den Rechtsmediziner und die Spurensicherung, Bonnard.«
Eine halbe Stunde später landete der Polizeihubschrauber auf der großen Wiese neben dem Vulkanobservatorium in La Plaine-des-Cafres. Dort wartete bereits der Rettungshubschrauber, der die Leiche nach der kriminalistischen Untersuchung abtransportieren sollte und dessen Pilot nun wieder die Rotoren anließ. Ein hochgewachsener dunkelhaariger M