Kapitel 1
In meinem Kopf tanzt ein böser Engel.
Er zeigt mir Dinge. Rabenschwarze Dinge.
Lisbeth sieht sich selbst als Kind, als zehnjähriges Mädchen, in einem Hinterhof. Sie steht auf einer wackeligen Mülltonne aus Blech, damit sie dem Himmel näher ist. Eine schwarzweiß gefleckte Katze sieht ihr zu.
Kleiner böser Engel, hör auf zu tanzen. Das sagt sie, aber nur ganz leise. Weil sie zweierlei gleichzeitig glaubt: Gott hatte ihr etwas schenken wollen. Der Teufel hatte sie bestrafen wollen. In der rechten Hand hält Lisbeth ein Stück Draht versteckt, das sie im Rinnstein gefunden hat. Der Himmel sieht nach Regen aus und nach einem Herbststurm, der alles Verlorene davonträgt.
Aber es ist kein Geschenk. O nein! Die Leute haben Angst vor ihr. Und jetzt hört Lisbeth sie auch wieder, die hässlichen Musikfragmente aus verbeulten Instrumenten.
Es ist immer so, wenn ihr Gott oder der Teufel etwas zeigen. Bemalend die Auren der jungen Lisbeth Broussard, kurz vor den schmerzhaften Episoden, von denen sie heimgesucht wird wie von einem unerwarteten Gewitter. Düstere Wahrnehmungen, die Augen blind, das Herz eröffnet. Jene Serien von Bildern, die sie zu Tode erschrecken in dem kleinen Haus ihrer Kindheit, mit den stummen Mäusen hinter den Wänden und den Tauben auf den Dachvorsprüngen.
Großmutter sagt, Lisbeth hat das Zweite Gesicht. Aber Lisbeth will kein zweites Gesicht. Nur noch eine Sekunde, dann werden die Kopfschmerzen wieder anfangen, das weiß sie. Es ist immer so. Sie spürt einen eiskalten Regentropfen auf der Wange. Hässlich, die Musik ist so hässlich, dass es wehtut in den Knochen. Sie vibrieren. Vor drei Jahren hatte im Haus nebenan ein alter Mann gewohnt, nur einen einzigen Sommer lang. An den Abenden hatte er rauchend auf der Veranda gesessen und Radio gehört. Das ist Jazzmusik, die kommt aus dem Mund des Teufels, hatte Vater gesagt, und Lisbeth musste schnell alle Fenster schließen. Aber gehört hatte sie sie dennoch, selbst als das Radio längst ausgeschaltet war, und sie hört sie seither bei jeder Vision, immer wieder.
Ja, sie wird sich den Draht in das Ohr stechen, ganz tief hinein. Um den bösen Engel darin endlich totzumachen. Damit er nicht mehr tanzen kann. Das wird wehtun, und vielleicht wird sie dabei sogar sterben. Aber dann wird alles endlich stumm sein, und diese Vorstellung ist herrlich.
Doch bevor sie die Hand mit dem Draht heben kann, sieht sie das Feuer aus den Fenstern schlagen. Sieht Augen in Köpfen platzen und Haare lichterloh brennen. Lisbeth taumelt schreiend, fällt zu Boden. Und dann ist alles so dunkel wie in einem Grab.
In meinem Kopf tanzt ein böser Engel.
Wie lange hat sich Lisbeth nicht mehr daran erinnert? Vermutlich ein halbes Leben lang, ganz sicherlich aber nicht mehr seit der Geburt Marlenes. Ihres Herzschlagmädchens, das seit dem ersten Tag stark genug gewesen war, um alles von ihr zu nehmen. Selbst die losen, beinahe nebensächlichen Ausläufer einer scheinbar starken Hellsichtigkeit, das Nachbeben einer Kindheit voller merkwürdiger Geschehnisse. Einer Kindheit, in der sie Dinge voraussehen konnte wie alte Männer den ersten Schnee. Natürlich nicht alles Zukünftige, aber doch genug davon, um sie einsam und ängstlich zu machen. Verloren. Die verrückte Broussard, die Hexe Lisbeth, hatten die anderen Kinder sich heimlich zugeflüstert und sie gemieden, als hätte sie die Pocken. Wenn sie dich anfasst, dann bist du mausetot, konnte es Lisbeth aus den Schulhofecken wispern hören. Dabei geschah überhaupt nichts, wenn das Mädchen jemanden berührte, wie sehr sie sich auch anstrengen mochte. Großmutter, die eigentlich so gut wie nie etwas Vernünftiges sprach, sondern meist nur stumm mit ihrem Mund verrückte Wörter formte, sagte vor gefüh