Kapitel 2
Es war für die geringe Anzahl der Gäste ein viel zu üppiges Mahl. Eigentlich hätte Brian auch noch sogleich allen Bewohnern der Festung und der umliegendencrannógs undráths damit die Bäuche füllen können, doch er hatte nur wenige Personen in die Halle gelassen, um einen Streit zwischen Iren und Nordmännern zu vermeiden.
Aodhan, der königliche Barde, sang ein Lied und begleitete sich selbst mit der Lyra. Er hatte eine außergewöhnlich schöne Stimme, und die Melodie verzauberte die Zuhörer. Sogar die Wikinger, die dort an ihrem langen Tisch saßen, hatten mit dem Essen innegehalten und lauschten der Musik.
Wohlige Feuer brannten in der Mitte der Halle. Die Nordleute waren unbewaffnet, und das Zusammensein wirkte oberflächlich recht friedlich, zumal Brian ausdrücklich angeordnet hatte, dass es keinen Streit um die besten Fleischstücke – der Heldenportion – geben sollte, die eigentlich dem tapfersten Krieger zustand. Manchmal wurde um diese sogar bis zum Tod gekämpft. Dennoch herrschte hier im großen Raum eine untergründige Anspannung.
Als der Barde endete, verzog Sigtrygg anerkennend die Unterlippe. Die Kelten spendeten Beifall, aber die Nordmänner hielten sich zurück.
Obwohl jedermann um Frieden bedacht war, empfand Sláine die Nähe der Feinde als unerträglich.
Ihre jüngere Schwester Rhian lehnte sich ganz nah zu ihr herüber und kicherte. „Du weißt ja, ich habe dem Wikingerkönig beim Baden geholfen ... Du bist zu beneiden, dass du seine Frau wirst. Er ist ein wirklich schöner Mann und äußerst gut gebaut. Auf den Oberarmen und Schultern hat er Tätowierungen, die Runen und einen in Mustern verwobenen Drachen zeigen. Die Runen sind ein Heilsspruch, mit dem er sich unter den Schutz des Göttervaters Odin höchstpersönlich stellt. Er war richtig charmant, hat ein wenig mit mir geschäkert. Also, wenn du ihn nicht willst, würde ich ihm gern nach Dublin folgen.“
Jetzt verstand Sláine ihren Vater. Er benötigte in der Tat eine Tochter, die den Abstand zum Wikinger wahren konnte – ihn sogar verachtete. Als sie zu Sigtrygg schaute, zuckte sie ein wenig zusammen, denn sein Blick lag auf ihr, intensiv und ergründend. Sie errötete und hasste sich dafür. Rasch schaute sie fort, widmete sich dem Fleischstück, das vor ihr auf dem Silberteller lag.
„Wenn er doch nur mich so ansehen würde!“, seufzte die fünfzehnjährige Rhian. „Ich glaube, du gefällst ihm sehr.“
„Ach, sei still! Er ist ein verfluchter Nordmann, der Cormac getötet hat!“, zischte Sláine. Sie ärgerte sich, weil der König von Dublin sie noch immer unverhohlen musterte. Doch dann wurde er abgelenkt, weil der riesige Thorulf, den Sláine mit dem Dolch verletzt hatte, einen Streit mit Brians drittgeborenem Sohn Flann begonnen hatte.
Augenblicklich sprang Flann von seinem Platz auf. „Du behauptest ernsthaft, dass wir in der Schlacht bei Glenn Máma nur Glück hatten?“, fauchte er, und seine blauen Augen sprühten Funken.
Der dunkelblonde Wikinger hatte sich ebenfalls von seinem Platz erhoben. Er schwankte bereits ein wenig – hatte sich reichlich am Wein gütlich getan. „Ja, das behaupte ich! Eine der Nornen muss sich beim Weben der Schicksalsfäden vertan haben, denn ihr hättet niemals siegen dürfen!Ihr – die nur selten mit einem Schwert bewaffnet seid, zumeist nur mit Speeren, und zum Schutz eure runden Schildchen tragt – hättet an unseren großen Schilden zerschellen müssen. Wir sind Eroberer und versetzen die Völker in Angst und Schrecken. Wir waren in Paris, haben am Rhein und an den Nebenflüssen die Städte bis Trier geplündert,